Tag Archives: Violence/Gewalt

Wie man schnell erwachsen wird

«Steine werfen». Mit diesem Vorwurf sah sich Jusef[1] konfrontiert. Ihm wurde vorgehalten, Steine auf israelische Fahrzeuge geworfen zu haben. Das war vor über zwei Jahren, als Jusef 17 Jahre alt war. Heute ist er 19 und hat die vergangene Zeit in israelischer Haft verbracht. Ich habe Jusef erstmals anfangs Juli 2022 angetroffen, anlässlich eines Besuches in seinem Heimatdorf in der Nähe von Bethlehem. Er wurde einen Tag zuvor aus dem Gefängnis entlassen; dies wurde mit Familie und Freunden gefeiert.

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Et maintenant ?

A l’heure d’écrire ces premières lignes de mon troisième et dernier article pour le blog d’EAPPI, une seule question me traverse l’esprit : que dire ? qu’écrire ? quels instantanés du quotidien palestinien pourrais-je montrer et quels récits des innombrables expériences humaines partagées pourrais-je narrer pour montrer la dure réalité d’une population dont les droits les plus élémentaires sont régulièrement violés par l’Etat israélien[1], dans un silence politique assourdissant, voire dans une indifférence généralisée ?

Alors que notre histoire, même récente, nous a montré et nous montre encore aujourd’hui que les élans de solidarité civile et politique envers une population soudainement en proie aux souffrances de la guerre restent possibles, pourquoi la question palestinienne semble-t-elle être oubliée, ou pire, ignorée ?

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Wann endlich fällt die Mauer des Schweigens?

Seit 2 Wochen bin ich wieder in der Schweiz. Ich freue mich, wieder in einem Land leben zu dürfen, in welchem sich das alltägliche Leben viel einfacher abspielt. Gleichzeitig fühle ich auch ein gewisses Unbehagen, wenn ich an all die Menschen denke, welche dort mitten in diesen grossen Ungerechtigkeiten ausharren müssen. Sie können nicht, wie ich Privilegierter, einfach nach 3 Monaten wieder “verschwinden” und das gewohnte Leben wieder aufnehmen! Dieser Kulturschock ist für mich ziemlich gross. Zudem wurde ich gleich am 2.Tag nach meiner Rückkehr positiv auf Corona getestet. So verbrachte ich die erste Woche mehr oder weniger in der horizontalen Lage, geplagt von grippeähnlichen Symptomen und grosser Müdigkeit. Diese ist wohl nicht nur auf Corona zurückzuführen, denn die vergangenen Wochen haben bei mir schon ein paar Spuren hinterlassen! In jeder Beziehung. Im Bett versuchte ich nun, von einem aufwühlenden Leben wieder zurückzufinden in mein altes Leben!

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Wenn die eigene Welt in Trümmern liegt

Vier EA’s wurden zur Grossfamilie Fares Rajabi in Silwan gerufen. Dieser Stadtteil von Jerusalem ist besonders stark von Hausdemolierungen betroffen, die israelischen Siedlungen breiten sich hier stark aus. In diesem stattlichen vornehmen  Haus lebten 30 Personen, neben Fares’ Familie (Frau, drei Kinder) noch seine vier Brüder mit Familien und seine Eltern. Fares hat einen Demolierungsbefehl schon im Jahre 2000 erhalten. Seither bezahlten sie jedes Jahr 40 000 Schekel (ca. 10 000 sfr.) als Busse für die “illegale” Errichtung ihres Hauses auf ihrem eigenen Land.[1] Mit den Notariatskosten, Entschädigungen für Leute, welche bei der Planung des Hauses mithalfen, beliefen sich die Kosten in all den Jahren auf 700 000 Schekel (ca. 200 000 sFr.). Die Kosten für die  Demolierung des Hauses belaufen  sich auch noch auf rund 200 000 Schekel (50 000 sFr.). Alle Familien hatten den goldenen Hochzeitsschmuck ihrer Frauen verkaufen müssen, um diese ungeheuerlichen Summen, welche ihnen von den israelischen Behörden aufgebürdet werden, überhaupt auch nur teilweise bezahlen zu können. Wenn sie dieses Geld nicht bezahlen, wird einfach ihr Land, das sie in den 1980er Jahren gekauft haben, beschlagnahmt.

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Ein kleiner Einblick in die Militärgerichte Israels

Im Frühling letzten Jahres besuchte ich mit anderen EAs das Militärgericht in Ofer. Was ich dort beobachtet habe ist auch in dieser speziellen Zeit einer globalen Pandemie noch aktuell, denn trotz der Einführung von Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung und zur Verhinderung der Verbreitung des COVID-19 Viruses durch die Israelische Regierung, werden weiterhin Palästinenser*innen verhaftet, vor dem Militärgericht angeklagt und unter schlechten hygienischen Bedingungen in Untersuchungshaft gehalten. Davon sind auch zahlreiche Minderjährige betroffen.

Das Militärgericht Ofer liegt im Westjordanland nordwestlich von Jerusalem hinter der grünen Linie, aber auf der israelischen Seite der Mauer auf einem israelischen Militärstützpunkt (Addameer, 2017). Gleich nebenan befindet sich das Militärgefängnis Ofer (Military Court Watch, 2013). Das Gericht besteht aus 7 Container, welche als Gerichtssäle dienen, ein einfacher Wartesaal und ein Eingangsgebäude. Die Gebäude und Container sind umgeben von einem grossen Zaun und Stacheldraht. Auch innerhalb des Geländes hat es überall Gitter und Zäune. Ich komme mir eher vor wie in einem Gefängnis als in einem Gericht.

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Formen des Widerstandes in Hebron

Vor meinem Einsatz hatte ich ein verzerrtes Bild der Situation in der West Bank. Ich hatte den Eindruck, der Widerstand der Palästinenser*innen gegen die israelische Besatzung bestehe vor allem in Form von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der palästinensischen Zivilbevölkerung und den israelischen Sicherheitskräften. Solche «Clashes» erleben wir in Hebron z.B. als Reaktion auf die Verkündigung des neuen Vorschlags der US-Regierung am 28. Januar 2020 als Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts zwar auch, jedoch beteiligt sich daran augenscheinlich nur eine kleine Gruppe männlicher Jugendlicher. Wir stellen hingegen fest, dass der Grossteil der Aktivist*innen verschiedene Formen des gewaltlosen Widerstands nutzt.

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Mit Kreativität und Ausdauer für mehr Gerechtigkeit

Hafez lebt in At-Tuwani, einem kleinen palästinensischen Dorf im südlichsten Zipfel der Westbank. Wir durften bereits zwei Mal dabei sein, wie Palästinenser und Israelis in Dorfnähe gemeinsam Olivenbäume pflanzten, genau auf jenem Hügel, wo letztes Jahr der ganze ursprüngliche Hain von fremden Eindringlingen heimlich gefällt worden waren. Und so sind wir gespannt, den Anführer dieser Friedens-Aktionen kennenzulernen.

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Ein Tag im Jordantal

Auch wenn Sonntag hier in der West Bank der Start einer neuen Woche darstellt, bietet er uns EAs im Jordantal einen Moment zum Durchatmen. Sonntagmorgens besuchen wir jeweils eine der christlichen Kirchen in Jericho, um die lokalen christlichen Palästinenser*innen zu unterstützen, die in den besetzten palästinensischen Gebieten eine Minderheit darstellen. In Jericho besuchen diese hauptsächlich die katholische Latin Church oder die griechisch-orthodoxe Kirche gleich gegenüber. Die Gemeindemitglieder geniessen nach der Messe vor der Kirche eine Tasse Kaffee und tauschen Neuigkeiten aus, wobei wir ihnen ebenfalls Gesellschaft leisten. Auch wenn wir dabei teilweise von ihren Schwierigkeiten unter der Besetzung Israels erfahren, bieten diese Begegnungen kleine Ruheoasen in den sonst eher hektischen Tagen, die gefüllt sind mit verschiedenen Treffen und dem Dokumentieren von Verletzungen des Humanitären Völkerrechts oder der Menschenrechte.

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Kritische Selbstreflexion

Im Alltag als EAPPI Human Rights Observer wird man mit vielen Situationen des Missstandes der palästinensischen Bevölkerung konfrontiert. Als EA spricht man mit den betroffenen Personen, schreibt Berichte, leistet Aufklärungsarbeit. In unserer Gruppe sind wir vier junge Westeuropäer. Mich als offensichtlich privilegierter Mensch aus einem Erste-Welt Land der lokalen Bevölkerung gegenüber stehen zu sehen, ist nicht immer einfach. Zu klar zeichnet sich das alte Bild des mächtigen Europäers gegenüber dem lokalen wehrlosen Opfer ab. Zu stark widerspricht dieses Bild meinem eigenen Streben nach einer dekolonialisierten Welt.

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Sexuelle Übergriffe an Checkpoints

Das Westjordanland und der Gaza-Streifen werden seit 1967 vom israelischen Militär kontrolliert. Täglich müssen Tausende von PalästinenserInnen die Kontrollpunkte passieren, wenn sie zur Arbeit oder zur Ärtztin müssen, Verwandte besuchen oder einfach nur wieder nach Hause wollen. Angesichts der Gefahr von Terroranschlägen sind die SoldatInnen an den Checkpoints schwer bewaffnet, die Kontrollen streng. Die Nervosität der oft jungen SoldatInnen ist spürbar. Manche fühlen sich in ihrer Rolle sichtlich unwohl. Andere geniessen ihre Macht, und so kommt es Tag für Tag zu Schikanen gegenüber den PalästinenserInnen. Sie müssen stundenlang (zum Teil in der prallen Sonne oder im Regen) warten oder werden manchmal ohne Begründung zurückgeschickt. Die Entscheidung, die PalästinenserInnen durchzulassen oder ihnen den Zugang zu verbieten unterliegt der willkürlichen Beurteilung der SoldatInnen oder dem privaten Sicherheitspersonal. Continue reading Sexuelle Übergriffe an Checkpoints