Tag Archives: Justice/Gerechtigkeit

Ein Tag im Jordantal

Auch wenn Sonntag hier in der West Bank der Start einer neuen Woche darstellt, bietet er uns EAs im Jordantal einen Moment zum Durchatmen. Sonntagmorgens besuchen wir jeweils eine der christlichen Kirchen in Jericho, um die lokalen christlichen Palästinenser*innen zu unterstützen, die in den besetzten palästinensischen Gebieten eine Minderheit darstellen. In Jericho besuchen diese hauptsächlich die katholische Latin Church oder die griechisch-orthodoxe Kirche gleich gegenüber. Die Gemeindemitglieder geniessen nach der Messe vor der Kirche eine Tasse Kaffee und tauschen Neuigkeiten aus, wobei wir ihnen ebenfalls Gesellschaft leisten. Auch wenn wir dabei teilweise von ihren Schwierigkeiten unter der Besetzung Israels erfahren, bieten diese Begegnungen kleine Ruheoasen in den sonst eher hektischen Tagen, die gefüllt sind mit verschiedenen Treffen und dem Dokumentieren von Verletzungen des Humanitären Völkerrechts oder der Menschenrechte.

Continue reading Ein Tag im Jordantal

Grenzüberschreitungen

Die junge Frau neben mir kramt in ihrer Tasche herum und holt ein kleines grünes Büchlein heraus; ihre ID. Grün für Palästinenser*innen in der West Bank und in Gaza, blau für jene in Ostjerusalem. In Kürze erreichen wir den Checkpoint Az Za’ayyem – einer von 39[1] entlang der West Bank Barrier, durch die die israelische Grenzwache den Einlass von Personen aus dem Westjordanland in den besetzten palästinensischen Gebieten kontrolliert. Die Strasse nach dem Checkpoint führt allerdings nach Ostjerusalem, welches 1967 von Israel annektiert wurde und dessen Bewohner*innen infolgedessen ein Sonderstatus als «permanent residents» in Israel verliehen wurde.[2] Dadurch verfügen sie in der Regel über grössere Reisefreiheit als die restlichen Palästinenser*innen und haben die Möglichkeit, gewisse Sozialleistungen von Israel zu beziehen.[3] Für die übrigen Palästinenser*innen kann es jedoch extrem schwierig sein, nur schon nach Osterjerusalem zu reisen, das sie als ihre Hauptstadt ansehen – geschweige denn ins Ausland. Die Grenzübergänge nach Jordanien als einzigem weiterem Grenzland der besetzten palästinensischen Gebiete werden von der israelischen Grenzkontrolle überwacht. Doch potentielle Reisen können nicht nur an fehlenden Bewilligungen scheitern, sondern auch an der palästinensischen Nationalität selber bzw. deren fehlenden Anerkennung. So erzählt mir unser Fahrer Ismael, dass er bei einem Besuch in Europa die Fähre von Finnland nach Schweden nicht buchen konnte, weil die Option der palästinensischen Nationalität bei der Online-Buchung schlichtweg nicht vorhanden war.

Continue reading Grenzüberschreitungen

Der Winter lässt auf sich warten

«Winter is coming,» wird mir zum wohl zwanzigsten Mal hier im Jordantal in den besetzten palästinensischen Gebieten versichert, seit ich Mitte Oktober meinen Einsatz mit EAPPI begonnen habe. Winter bedeutet in diesem Fall Regen und Temperaturen, die kaum unter 20 Grad fallen. Der Regen wird nicht nur von Bauern und Hirten sehnlichst erwartet, damit die zurzeit braunen Hügel mit verdorrten Pflanzen wieder in frischem Grün erstrahlen und Tiernahrung für ein weiteres Jahr zur Verfügung stellen. Der Regen wird auch sonst von der palästinensischen Bevölkerung im Jordantal herbeigewünscht, die sich durch das Auffangen des Regenwassers etwas Unabhängigkeit von der israelischen Wassergesellschaft Mekorot verschafft, welche die mehrheitliche Kontrolle über die Wasserressourcen  in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten hat.[1]

Continue reading Der Winter lässt auf sich warten

Kritische Selbstreflexion

Im Alltag als EAPPI Human Rights Observer wird man mit vielen Situationen des Missstandes der palästinensischen Bevölkerung konfrontiert. Als EA spricht man mit den betroffenen Personen, schreibt Berichte, leistet Aufklärungsarbeit. In unserer Gruppe sind wir vier junge Westeuropäer. Mich als offensichtlich privilegierter Mensch aus einem Erste-Welt Land der lokalen Bevölkerung gegenüber stehen zu sehen, ist nicht immer einfach. Zu klar zeichnet sich das alte Bild des mächtigen Europäers gegenüber dem lokalen wehrlosen Opfer ab. Zu stark widerspricht dieses Bild meinem eigenen Streben nach einer dekolonialisierten Welt.

Continue reading Kritische Selbstreflexion

Mit einer Anwältin von Military Court Watch (MCW) am Militärgericht Ofer

Eigentlich wären Militärgericht und Militärgefängnis Ofer, die auf einer kahlen Anhöhe zwischen Jerusalem und Ramallah liegen, auch von der Westbank her zugänglich. Wir haben jedoch mit der Anwältin von Military Court Watch auf der israelischen Seite von Ofer abgemacht. So nehmen wir am Qalandia Checkpoint ein Taxi für 40 Schekel. Continue reading Mit einer Anwältin von Military Court Watch (MCW) am Militärgericht Ofer

Vor Militärgericht

Endlich ist es soweit. Heute habe ich das Privileg, zusammen mit einem Anwalt und seiner Mitarbeiterin, die beide für die Organisation „Military Court Watch“ tätig sind, das israelische Militärgericht zu besuchen. Insgesamt gibt es nur zwei Militärgerichte in Israel/Palästina. Eines davon darf ich heute besuchen, und dies mit einem Mann, der es meines Erachtens am besten versteht, Dinge detailgetreu zu analysieren, ohne den Gesamtüberblick zu verlieren. Continue reading Vor Militärgericht

Geburtstagsparty im «Käfig»

YAS, Youth against settlements, ist eine gewaltfreie Organisation für junge Menschen in der halb abgesperrten Zone in Hebron, «H2» genannt, in der wir arbeiten. Ich habe grosse Achtung vor dem, was diese Menschen auf die Beine stellen und mit wieviel Kraft und Mut sie sich einsetzen für ein friedvolles Ende der Besatzung, für die Zukunft der Kinder und Jugendlichen.

So freuten wir uns, als YAS uns einlud, an einer ganz besonderen Geburtstagsfeier teilzunehmen. Seit letzten Dezember ist Ahed Tamimi, eine junge Palästinenserin, im israelischen Gefängnis, weil sie einen israelischen Soldaten geohrfeigt und getreten hat.  Continue reading Geburtstagsparty im «Käfig»