Tag Archives: Checkpoint

Die zwei Gesichter Hebrons

Die erste Überraschung erwartet mich gleich bei der Ankunft in Hebron: Es ist ca. halb fünf am Nachmittag, die Sonne geht bald unter. Trotzdem ist ein reges Treiben auf einer der Hauptstrassen der Stadt zu beobachten. Die meisten Läden sind geöffnet und zahlreiche Autos bahnen sich ihren Weg ins Zentrum oder in umgekehrter Richtung in die Peripherie. Ich hatte vor meiner Ankunft eine tote Stadt erwartet, verlassene Strassen und verbarrikadierte Läden. Diese Seite existiert zwar auch, aber der Reihe nach.

Mit einer Einwohnerzahl von über 200’000 ist Hebron die grösste Stadt der West Bank hinter der Trennmauer[1]. Abgesehen von Ostjerusalem weist Hebron als einzige palästinensische Stadt israelische Siedlungen im Zentrum auf[2]. Die Anzahl israelischer Siedler*innen in Hebron beläuft sich auf einige hundert Personen. Ca. 80% der Stadt sind unter der Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde, während Israel die restlichen 20% kontrolliert. Die beiden Gebiete werden «H1» respektive «H2» bezeichnet. H2 beinhaltet die israelischen Siedlungen, Einrichtungen der israelischen Sicherheitskräfte sowie über 30’000 Palästinenser*innen.

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Grenzüberschreitungen

Die junge Frau neben mir kramt in ihrer Tasche herum und holt ein kleines grünes Büchlein heraus; ihre ID. Grün für Palästinenser*innen in der West Bank und in Gaza, blau für jene in Ostjerusalem. In Kürze erreichen wir den Checkpoint Az Za’ayyem – einer von 39[1] entlang der West Bank Barrier, durch die die israelische Grenzwache den Einlass von Personen aus dem Westjordanland in den besetzten palästinensischen Gebieten kontrolliert. Die Strasse nach dem Checkpoint führt allerdings nach Ostjerusalem, welches 1967 von Israel annektiert wurde und dessen Bewohner*innen infolgedessen ein Sonderstatus als «permanent residents» in Israel verliehen wurde.[2] Dadurch verfügen sie in der Regel über grössere Reisefreiheit als die restlichen Palästinenser*innen und haben die Möglichkeit, gewisse Sozialleistungen von Israel zu beziehen.[3] Für die übrigen Palästinenser*innen kann es jedoch extrem schwierig sein, nur schon nach Osterjerusalem zu reisen, das sie als ihre Hauptstadt ansehen – geschweige denn ins Ausland. Die Grenzübergänge nach Jordanien als einzigem weiterem Grenzland der besetzten palästinensischen Gebiete werden von der israelischen Grenzkontrolle überwacht. Doch potentielle Reisen können nicht nur an fehlenden Bewilligungen scheitern, sondern auch an der palästinensischen Nationalität selber bzw. deren fehlenden Anerkennung. So erzählt mir unser Fahrer Ismael, dass er bei einem Besuch in Europa die Fähre von Finnland nach Schweden nicht buchen konnte, weil die Option der palästinensischen Nationalität bei der Online-Buchung schlichtweg nicht vorhanden war.

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Sexuelle Übergriffe an Checkpoints

Das Westjordanland und der Gaza-Streifen werden seit 1967 vom israelischen Militär kontrolliert. Täglich müssen Tausende von PalästinenserInnen die Kontrollpunkte passieren, wenn sie zur Arbeit oder zur Ärtztin müssen, Verwandte besuchen oder einfach nur wieder nach Hause wollen. Angesichts der Gefahr von Terroranschlägen sind die SoldatInnen an den Checkpoints schwer bewaffnet, die Kontrollen streng. Die Nervosität der oft jungen SoldatInnen ist spürbar. Manche fühlen sich in ihrer Rolle sichtlich unwohl. Andere geniessen ihre Macht, und so kommt es Tag für Tag zu Schikanen gegenüber den PalästinenserInnen. Sie müssen stundenlang (zum Teil in der prallen Sonne oder im Regen) warten oder werden manchmal ohne Begründung zurückgeschickt. Die Entscheidung, die PalästinenserInnen durchzulassen oder ihnen den Zugang zu verbieten unterliegt der willkürlichen Beurteilung der SoldatInnen oder dem privaten Sicherheitspersonal. Continue reading Sexuelle Übergriffe an Checkpoints

Erster Sonntag im Gebiet

Um 3 Uhr stehen wir auf und um 3 Uhr 15 fahren wir los Richtung elektronischer Durchgang, der morgens von 4 Uhr bis 7 Uhr geöffnet hat. Es ist kalt. Wir parkieren auf einem riesigen Parkplatz, ein Mann weist die Plätze zu. Überall hat es kleine Stände, an denen Proviant eingekauft werden kann. In der Regel tragen die Männer jedoch eine Plastikbox mit ihrem Essen mit. Die Reihen hinter den Gittern sind sehr lang. Man muss in Schlangenlinien durchgehen, bis man im Innern zum Bodyscanner, ähnlich, wie wir sie vom Flughafen her kennen, kommt. Mit erhobenen Händen geht man durch. Es fragt sich, wie sich dieses tägliche Scannen auf die Gesundheit auswirkt. Auch schwangere Frauen müssen durch diesen Scanner. Kranke, die zur Behandlung (z.B. Chemotherapie) nach Israel müssen, passieren auch den Durchgang. Continue reading Erster Sonntag im Gebiet

Le temps : nouvelle bataille

Un mur ; des checkpoints ; un système routier incompréhensible ; une foison de permis ; des procédures interminables, et une bureaucratie folle. Voilà quelques une des mesures – politiques et structurelles – qui rendent la vie des Palestiniens et Palestiniennes extrêmement difficile dans la West Bank. Leur vie est contrôlée par un système ultra sophistiqué qui contraint leur liberté de mouvement, d’émancipation économique, de construction, ou tout simplement leur droit à une identité territoriale.

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Freitagsgebet

Morgens um 07.00 Uhr wir an den Qualandiya-CP und erwarten eine Menge von PalästinenserInnen, die in Jerusalem beten und protestieren wollen. Wir treffen auf eine gähnende Leere. Knapp 300 Personen passieren in zweieinhalb Stunden den CP. Die Ruhe vor dem Sturm? Wir sprechen mit einigen Palästinensern. Sie erzählen uns, sie hätten Angst nach Jerusalem zu gehen, da jeder Palästinenser nun noch mehr unter Generalverdacht stehe und Angst davor, in Gewalttätigkeiten verwickelt zu werden. Sie seien müde und wollen nicht mehr kämpfen. Es bestehe aber die Gefahr, dass Jugendliche Gewalt anwenden würden, da sie frustriert und wütend seien und die beiden Intifadas zuvor nicht miterlebt hätten. Sie wollten rebellieren, egal mit welchen Mitteln. Ein älterer Palästinenser kommt auf mich zu und gibt mir völlig unerwartet einen Kuss auf die Backe. Ich bin verwirrt, nehme die Geste aber als ein Kompliment auf. Continue reading Freitagsgebet

Am Checkpoint

Es ist erster Adventssonntag. Für uns bedeutet dies Checkpoint (CP)-Schicht ab 04.00 Uhr morgens. Am Abend zuvor wird uns mitgeteilt, dass 10 CP wegen eines Streiks geschlossen bleiben und dadurch ein noch grösserer Andrang bei unserem CP erwartet wird. Unsere Erwartungen werden erfüllt. Bereits um 0400 müssen wir im „freien“ anstehen . Dicht gedrängt werden wir nach vorne geschoben. Ca. 40 Minuten später gelangen wir zum Metalldetektor. Ich muss 6-7-mal hin und wieder zurückgehen, da jedes Mal ein Alarm ertönt. Alle meine Hosentaschen sind leer, ich trage nur noch Socken, Hosen und ein Shirt. Die Soldaten rufen mir von ihrer Kabine aus zu, ich solle die Schuhe ausziehen. Die Schuhe habe ich jedoch bereits beim ersten Durchlaufen abgezogen. Nach erfolglosem Hin und Her kapituliere ich und gehe wieder zurück auf die palästinensische Seite. Ich habe mit meiner „Aktion“ den Palästinenser 10 wertvolle Minuten gestohlen und fühle mich schlecht deswegen. Ziemlich frustriert schaue ich aus einer gewissen Entfernung dem Treiben zu. Immerhin wurde unmittelbar nach meinem Telefongespräch mit der Hotline der HL um 05.30 Uhr letztere geöffnet. Ein kleiner „Erfolg“, den ich in diesem Moment gut brauchen konnte. Fünf israelische Soldaten kontrollieren die verschiedenen Visa der bei der HL anstehenden PalästinenserInnen und lassen einzelne passieren. Ich bin mir sicher, dass das, was sie zu sehen bekommen keineswegs spurlos an ihnen vorbeigeht und eine beängstigende Situation für die meist noch so jungen Soldaten und Soldatinnen darstellt. Fürbeide Seiten ein emotional geladener und anstrengender Start in  die Woche.

Nicolas, Bethlehem

Ein Versprechen einlösen

Gestern habe ich ein Versprechen gegeben, das ich heute sehr gern einlösen werde…

Es war ein gar nicht langweiliger Morgen auf dem Schulweg … Der Morgen begann wundervoll mit Sonnenschein. Am Checkpoint standen zwei israelische Soldaten, denen man ihre gute Laune schon von weitem ansah. Es ergab sich, dass wir nicht an unserem üblichen Ort standen, sondern ein wenig näher an den Soldaten, im Rücken eine israelische Siedlung. Continue reading Ein Versprechen einlösen

Am Besten ist es, wenn es langweilig ist

Sie heissen vielleicht Mohamed oder Aref, Rasha oder Salemah und sie sind zwischen 4 und 15 Jahre alt. Jeden Morgen gehen sie an mir vorbei auf dem Weg zum Kindergarten oder zur Schule. Vielen sieht man an, dass sie lieber noch im warmen Bett wären, manche haben ein Brötchen in der Hand, das sie beim Gehen essen, andere ein Heft, um noch schnell etwas zu lernen. Ein paar Kinder schauen jeden Morgen zu mir, winken mit der Hand oder rufen mir ein «good morning» zu. Andere sind sehr scheu oder auch einfach viel zu müde, um mich wahrzunehmen. Ein Junge hat meistens einen Regenschirm dabei, bei anderen hängt die Schultasche fast in den Knien unten. Eigentlich alles ganz normal – Kinder auf dem Schulweg eben! Wenn da nicht  Continue reading Am Besten ist es, wenn es langweilig ist

Nabi Samwel – ein palästinensisches Dorf ausserhalb der Mauer

Mit dem Jerusalem-Team zusammen besuche ich ein besonderes Dorf: Nabi Samwel. Das Dorf mit rund 300 EinwohnerInnen liegt in Palästina, aber ausserhalb der Mauer. Die Mauer, die Israel von den besetzten Gebieten trennt, ist nicht genau dort gebaut, wo die sogenannte «green line», die Trennungslinie, die die UNO 1947 gezogen hat, durchgeht. (1) Nabi Samwel ist der Ort, an dem nach der Überlieferung der Prophet Samuel begraben ist. Continue reading Nabi Samwel – ein palästinensisches Dorf ausserhalb der Mauer