Wann endlich fällt die Mauer des Schweigens?

Seit 2 Wochen bin ich wieder in der Schweiz. Ich freue mich, wieder in einem Land leben zu dürfen, in welchem sich das alltägliche Leben viel einfacher abspielt. Gleichzeitig fühle ich auch ein gewisses Unbehagen, wenn ich an all die Menschen denke, welche dort mitten in diesen grossen Ungerechtigkeiten ausharren müssen. Sie können nicht, wie ich Privilegierter, einfach nach 3 Monaten wieder “verschwinden” und das gewohnte Leben wieder aufnehmen! Dieser Kulturschock ist für mich ziemlich gross. Zudem wurde ich gleich am 2.Tag nach meiner Rückkehr positiv auf Corona getestet. So verbrachte ich die erste Woche mehr oder weniger in der horizontalen Lage, geplagt von grippeähnlichen Symptomen und grosser Müdigkeit. Diese ist wohl nicht nur auf Corona zurückzuführen, denn die vergangenen Wochen haben bei mir schon ein paar Spuren hinterlassen! In jeder Beziehung. Im Bett versuchte ich nun, von einem aufwühlenden Leben wieder zurückzufinden in mein altes Leben!

Ich bin schon sehr dankbar, dass ich diesen schwierigen Einsatz einigermassen gut überstanden habe. Ich werde offen gesinnte palästinensische Menschen in Erinnerung behalten, welche ihren Humor und ihre Entschlossenheit, durchzuhalten, bis eine Besserung ihrer Situation eintritt, nie zu verlieren scheinen. Auch nach mehr als 50 Jahren Besatzung durch den israelischen Staat haben sie ihre Zuversicht und ihre Hoffnung auf ein gerechteres Leben nicht aufgegeben. Das palästinensische Volk kommt mir viel stärker vor als die schwer bewaffnete Armee, Polizei und Siedler:innen Israels zusammen. Wenn man als Besatzungsmacht immer wieder Menschenrechtsverletzungen zulässt, schadet das am Ende wohl dem eigenen Staat. 

Israelische Soldat:innen kontrollieren den Zugang zur Al Aqsa Moschee in der Altstadt von Jerusalem. Foto: Werner/PWS 2022

Ich hege immer noch die Hoffnung, dass alle Völker unterschiedlichster Glaubensrichtungen und kultureller Unterschiede eines Tages in Frieden werden leben können. Diese Unterschiede können sogar eine Bereicherung sein und das Land in eine gute Zukunft führen. Ich bin fest der Meinung, dass nur Gleichheit und Gerechtigkeit unter den Menschen die Sicherheitslage für beide Seiten verbessern kann. Die Besetzung von Palästina mit all den Verletzungen der Menschenrechte muss sofort aufhören, damit eine friedliche Zukunft überhaupt erst möglich wird. Denn es ist wirklich vieles sehr einseitig verteilt im besetzten Palästina, vieles zugunsten der Israelis und zum Nachteil des palästinensischen Volkes. Es wäre also jetzt an der Zeit, dem palästinensischen Volk endlich auch eine Stimme zu geben. 

Die Mauer, die hier inmitten des Ostjerusalemer Viertels Bein Hanina verläuft. Foto: Werner/PWS 2022

Ich habe vor allem die Zustände im besetzten Palästina gesehen und erlebt. Wie ich jedoch im Kernland Israel mitbekommen habe, wissen die Leute vielfach nicht oder wollen nicht wissen, was sich unter der israelischen Besatzung in Palästina abspielt. Die israelische Regierung weiss diese Geschehnisse geschickt zu vertuschen, weil sie ja nicht unbedingt zu einem demokratischen Rechtsstaat passen. Es gibt aber durchaus israelische Organisationen, die Aufklärung in der eigenen Bevölkerung betreiben. Das bedeutet nicht, dass damit der Druck von aussen obsolet ist. Vielleicht braucht es beides. Die Kritik an Israel wird aber schnell von einigen israelischen Verantwortlichen als Antisemitismus verurteilt und militärische Aktionen in Palästina als Prävention gegen Terrorismus gerechtfertigt. Israelische Organisationen wie “Breaking the Silence” widerlegen diese militärischen Ziele und entlarven viele als Vorwand für koloniale Gebietserweiterung im besetzten Palästina.[1] Die Angehörigen dieser Organisation sind ehemalige israelische Soldat:innen, welche ihren Militärdienst in Palästina absolviert hatten. In ihrem gleichnamigen Buch „Breaking The Silence“ schildern sie eindrücklich ihre in Palästina während ihres Militärdienstes gemachten Erfahrungen. Sie lieben Israel, und gerade deshalb wollen sie auf die Missstände “dort drüben” aufmerksam machen. Sie wollen das Schweigen um die Ungerechtigkeiten in Palästina brechen und machen sich grosse Sorgen um die Zukunft Israels, wenn all diese Menschenrechtsverletzungen weitergehen.

Trennungsmauer mitten auf der Strasse bei Jerusalem. Foto: Werner/PWS 2022

Meine Arbeit hier in der Schweiz wird auch weitergehen. Es gehört zu unserem Programm von EAPPI, nach der Rückkehr ins eigene Land, Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. So werde ich versuchen, mich mit Journalist:innen zu treffen, um ihnen meine Erfahrungen im besetzten Palästina zu schildern. Öffentlichkeitsarbeit durch Vorträge an Schulen und bei interessierten Gruppen sollten auf die schreienden Ungerechtigkeiten in Palästina aufmerksam machen.

Ich fragte einige Palästinenser:innen, welche Gefühle sie empfinden gegenüber Israel. Einige antworteten mir zu meinem Erstaunen: Wir hassen die Israelis nicht, aber sie mögen uns doch einfach in Frieden leben lassen. Wir möchten einfach ein normales Leben führen können, wie andere Menschen auf dieser Erde auch, ein Leben ohne die tagtäglichen Einschränkungen durch ungerechte Gesetze, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit durch all diese Mauern und Checkpoints.

Nachdenklich stimmendes Gedicht an der Mauer in Bethlehem. Foto: Werner/PWS 2022

Mögen doch diese Wünsche für das palästinensische Volk sehr bald in Erfüllung gehen.

Von Werner, Ostjerusalem, 2022

Titelbild: Das Wort “captivating” an der Mauer im seit 1948 existierenden Flüchtlingslager Aida bei Bethlehem. Foto: Werner/PWS 2022


[1] Siehe das Buch von Breaking the Silence (2012): Breaking the Silence: Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten.

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