Wenn die eigene Welt in Trümmern liegt

Vier EA’s wurden zur Grossfamilie Fares Rajabi in Silwan gerufen. Dieser Stadtteil von Jerusalem ist besonders stark von Hausdemolierungen betroffen, die israelischen Siedlungen breiten sich hier stark aus. In diesem stattlichen vornehmen  Haus lebten 30 Personen, neben Fares’ Familie (Frau, drei Kinder) noch seine vier Brüder mit Familien und seine Eltern. Fares hat einen Demolierungsbefehl schon im Jahre 2000 erhalten. Seither bezahlten sie jedes Jahr 40 000 Schekel (ca. 10 000 sfr.) als Busse für die “illegale” Errichtung ihres Hauses auf ihrem eigenen Land.[1] Mit den Notariatskosten, Entschädigungen für Leute, welche bei der Planung des Hauses mithalfen, beliefen sich die Kosten in all den Jahren auf 700 000 Schekel (ca. 200 000 sFr.). Die Kosten für die  Demolierung des Hauses belaufen  sich auch noch auf rund 200 000 Schekel (50 000 sFr.). Alle Familien hatten den goldenen Hochzeitsschmuck ihrer Frauen verkaufen müssen, um diese ungeheuerlichen Summen, welche ihnen von den israelischen Behörden aufgebürdet werden, überhaupt auch nur teilweise bezahlen zu können. Wenn sie dieses Geld nicht bezahlen, wird einfach ihr Land, das sie in den 1980er Jahren gekauft haben, beschlagnahmt.

Ehemaliges Wohnhaus für 30 Personen in Sheikh Jarrah. Photo: Werner/PWS 2022

Fares meint, dass wohl bald die Räumungsequippen auftauchen würden, um die Spuren der Zerstörung ganz zu beseitigen, damit nichts an die Öffentlichkeit geraten kann. Die Leute leben jetzt in den Ruinen ihres zerstörten Hauses.  Die Presse war bei dieser Aktion zahlreich vertreten.[2]

Das Rote Kreuz hatte diese betroffenen Familien mit einer Summe im Umfang von einer Wohnungsmiete entschädigt, eine internationale  Hilfsorganisation kam für umgerechnet zwei Monatsmieten auf. Wir sassen in einem Zelt vor dem zerstörten Haus, welches der Gouverneur von Jerusalem gesponsert hatte. Dieses dient jetzt vor allem als Empfangsraum für Gäste.

Gastfreundschaft wird gross geschrieben, selbst im Katastrophenfall. Werner/PWS 2022

Fares zeigte uns die Ruinen, welche von seinem Haus übrig blieben. Es ist gefährlich, hier drinnen zu leben, aber wo sollten all diese Menschen hingehen? Sie möchten ihr eigenes Land nicht einfach verlieren. Fares’ Vater hat schwere Herzprobleme und bräuchte einen chirurgischen Eingriff. Alles ist einfach nur unsäglich traurig.

Wo Wohnen zu einer grossen Gefahr wird. Werner/PWS 2022

“Sie wollen uns nicht glücklich sehen”, meinte Fares, als er uns den zerstörten Swimmingpool auf der Rückseite des Hauses zeigte. Er fügt weiter an: “Die Palästinenser:innen sollten nicht in so schönen Häusern leben dürfen, wenn es nach den israelischen Behörden geht. Wir sind keine Terroristen, aber sie wollen uns zu solchen machen. Sie zerstören unsere Menschlichkeit.” Fares sprach auch von der Ungleichheit im Vergleich zur internationalen Reaktion auf die Besetzung der Ukraine durch Russland, respektiv der israelischen Besetzung in Palästina. Die ständige Verletzung der Menschenrechte durch Israel in Palästina wird von den gleichen Regierungen nur durch eine milde Verurteilung quittiert, wenn überhaupt. “Israel respektiert überhaupt keine UNO Resolutionen. Die Welt muss aufhören zu reden, sie muss anfangen zu handeln.”

Fares möchte den israelischen Staat anklagen für sein Vorgehen gegen seine Familie und bat uns um Hilfe, wie er das bewerkstelligen könnte. Wir hatten keine Antwort.

Am Tag der Zerstörung waren die meisten Strassen in Silwan gesperrt durch die Polizei. Drei Bulldozer tauchten auf und die Arbeiter:innen gingen äusserst zerstörerisch gegen die Bewohner:innen und ihr Eigentum vor. Vieles, was noch hätte verwendet werden können, haben sie einfach zerschmettert.

Was vom Kinderzimmer noch übriggeblieben ist. Werner/PWS 2022

Ein ganz schlimmer Moment war es, als seine beiden Töchter (sieben und neun Jahre alt) von der Schule nach Hause kamen und nichts mehr so war wie vorher. Wie sollte er es ihnen erklären, was da eben vor sich ging?

Fares suchte nach Erklärungen für das Vorgehen gegen seine Familie. “Wir respektieren alle Propheten – Abraham, Moses, Jesus,” wie er meint, “aber die Torah sagt, das jüdische Volk seien die auserwählten Leute auf der Welt.” Er hat es jetzt während Jahren miterleben müssen, wie die Jerusalemer Behörden seine Familie als zweitklassige und unerwünschte Nachbar:innen behandeln. “Sie wollen, dass wir weggehen. Aber wir gehen nicht.” Er und seine Familie bleiben auf ihrem Land.

Fares erkärt uns seine Situation. Werner/PWS 2022

Fares bat uns, seinen Namen zu verwenden, wenn wir die Geschichte seiner Familie erzählen. Er will, dass diese Geschichte verbreitet wird, nicht nur durch ihn selbst, sondern auch durch uns sehr nachdenklich gewordene Zeugen dieser unglaublichen Geschichte.

Werner, Ostjerusalem, 2022


[1] Palästinenser:innen erhalten nur ganz selten eine Baubewilligung, selbst auf ihrem eigenen Land. So sind sie gezwungen, ihre Häuser ohne Bewilligung zu bauen. Im Gegensatz dazu werden die israelischen Siedler:innen mit günstigen Wohnungen, Ermässigungen bei Steuern, Wasser, elektrischer Energie nach Palästina gelockt. Diese Aussagen stammen von Vertretern von BIMKOM (Planners for Planning Rights) and ACRI (The Association for Civil Rights in Israel), sowie von Zacharia Odeh von Coalition Of Human Rights während einer Orientierung über die jeweilige Organisation.

[2] Auch die für Al Jazeera arbeitende Journalistin Shireen Abu Akleh, die einen Tag später in Jenin getötet wurde, war vor Ort und berichtete ausführlich über diese Aktion.