Die zwei Gesichter Hebrons

Die erste Überraschung erwartet mich gleich bei der Ankunft in Hebron: Es ist ca. halb fünf am Nachmittag, die Sonne geht bald unter. Trotzdem ist ein reges Treiben auf einer der Hauptstrassen der Stadt zu beobachten. Die meisten Läden sind geöffnet und zahlreiche Autos bahnen sich ihren Weg ins Zentrum oder in umgekehrter Richtung in die Peripherie. Ich hatte vor meiner Ankunft eine tote Stadt erwartet, verlassene Strassen und verbarrikadierte Läden. Diese Seite existiert zwar auch, aber der Reihe nach.

Mit einer Einwohnerzahl von über 200’000 ist Hebron die grösste Stadt der West Bank hinter der Trennmauer[1]. Abgesehen von Ostjerusalem weist Hebron als einzige palästinensische Stadt israelische Siedlungen im Zentrum auf[2]. Die Anzahl israelischer Siedler*innen in Hebron beläuft sich auf einige hundert Personen. Ca. 80% der Stadt sind unter der Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde, während Israel die restlichen 20% kontrolliert. Die beiden Gebiete werden «H1» respektive «H2» bezeichnet. H2 beinhaltet die israelischen Siedlungen, Einrichtungen der israelischen Sicherheitskräfte sowie über 30’000 Palästinenser*innen.

Durch die Jahrhunderte Osmanischer Herrschaft lebten einige Hundert Jüd*innen unter mehreren Tausend Muslim*innen in der Stadt[3]. 1929 töteten arabische Bewohner*innen 67 ihrer jüdischen Nachbar*innen in einem Massaker. Die heutige Teilung der Stadt geht unter anderem auch auf ein Massaker an 29 muslimischen Besuchern der Abrahamsmoschee (auch: «Höhle der Patriarchen») durch einen israelischen Siedler im Jahr 1994 zurück2. Allerdings wurde die militärische Separierung der beiden Bevölkerungsgruppen erst nach dem Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000 systematisch umgesetzt. Praktisch wurde dies durch zusätzliche Checkpoints und Hindernisse in der Stadt bewerkstelligt sowie durch Zugangsbeschränkungen für Palästinenser*innen und die Schliessung von palästinensischen Geschäften. Ein Beispiel für einen der angesprochenen Checkpoints findet sich im Süden der Stadt, an der Grenze zwischen H1 und H2:

Checkpoint zur Shuhada Street (von H1 aus). © Daniel/PWS 2020

Als Person schweizerischer Nationalität hat man in der Regel keine Mühe, diesen Checkpoint zu passieren. Im Zusammenhang mit der dahinterliegenden Strasse – «Shuhada Street» im Jargon der Internationalen – ergibt sich nun das Bild, das ich bereits bei meiner Ankunft in Hebron erwartet hatte: verlassene Strassen, verbarrikadierte Läden und (noch mehr) Checkpoints. Im Parterre der Häuser wohnt niemand mehr. Zum Teil sind die Gebäude noch im ersten Stock bewohnt, aber die erschwerten Lebensbedingungen haben viele Palästinenser*innen aus dem Quartier vertrieben, wie uns zahlreiche Leute der Stadt berichten. Von vielen Häusern strecken sich Fahnenstangen über die Shuhada Street, daran hängen jeweils israelische Flaggen, auch wenn in den betreffenden Häusern Palästinenser*innen wohnen – ein deutliches Zeichen, wer an diesem Ort das Sagen hat.

EAs auf der Shuhada Street. Im Erdgeschoss der Häuser wohnt niemand mehr. © Daniel/PWS 2020

Mehr als 20 bemannte Checkpoints sind in der Stadt in Betrieb[4]. Aufgrund der Zugangsbeschränkungen können schliesslich etwa 6’200 Personen ihr Zuhause nicht per Fahrzeug erreichen. Dass die Checkpoints alle aus Sicherheitsbedenken aufgestellt wurden, lässt sich aber am folgenden Beispiel widerlegen: Abed, der an der Shuhada Strasse lebt, kann einen Checkpoint, der sich gerade um die Ecke seines Hauseingangs befindet, nicht passieren. Besagter Checkpoint am Fusse einer Treppe führt unter anderem zu einer Schule und einem Kindergarten. Als wir mit ihm eine Tour durch die Stadt begehen, zeigt er uns die Unsinnigkeit dieser Zugangsbeschränkung in der Praxis vor. Er spricht mit dem israelischen Soldaten, zeigt seinen palästinensischen Identitätsausweis und bittet um Zugang zur Treppe. Der Soldat verweigert ihm jedoch den Zugang, denn Abed ist nicht auf der Liste der Personen, die den Checkpoint passieren dürfen. Unter den palästinensischen Personen ist dies nur Bewohner*innen der dahinterliegenden Nachbarschaft sowie dem Lehrpersonal und den Kindern erlaubt – für israelische und ausländische Personen bestehen hingegen keine Beschränkungen. Der Soldat weist Abed daraufhin, dass er den allseits bekannten Umweg nehmen müsse. Fünf Minuten später stehen wir zusammen mit Abed oberhalb des Checkpoints:

Abed oberhalb des Checkpoints, den er ganz legal umgehen jedoch nicht passieren kann. © Josefin/PWS 2020

In diesem Fall also von Sicherheitsgründen zu sprechen, die den Checkpoint und die damit verbundenen Zugangsbeschränkungen rechtfertigen sollen, entbehrt jeglicher Grundlage. Was der Checkpoint in Wirklichkeit für die Anwohner*innen darstellt, ist eine zum Alltag gewordene Schikane, mit der sie sich abfinden müssen. So tut dies an jenem Abend auch Abed. Statt nochmal zum Soldaten am Checkpoint zu gehen und dort erneut abgewiesen zu werden, tritt Abed gleich den Umweg an, während die Touristen, die er durch die Stadt geführt hat, den direkten Weg durch den Checkpoint zurück ins Stadtzentrum nehmen können. Wir begleiten ihn heute auf seinem Umweg. Es ist ein kleines Zeichen der Solidarität, das wir setzen können, bevor wir uns von ihm verabschieden und uns auf den Heimweg in den lebendigeren Stadtteil H1 machen, während Abed die verlassene Shuhada Street zu seinem Zuhause hinuntergeht.

Daniel, Hebron, April 2020


[1] http://www.pcbs.gov.ps/Portals/_Rainbow/Documents/JerusalemE.html

[2] https://www.ochaopt.org/sites/default/files/h2_spotlight_april_2019.pdf

[3] Paine, R. (1995). Behind the Hebron massacre, 1994. Anthropology today, 11(1), 8-15.

[4] https://www.ochaopt.org/sites/default/files/h2_spotlight_april_2019.pdf

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