Aus dem Schmerz zur Hoffnung: The Parents Circle

In der Mitte ihres Einsatzes dürfen die EAPPI-Teilnehmer*innen eine Woche die Arbeit im Feld unterbrechen und sie bekommen im sogenannten Midterm weitere Informationen rund um ihr Wirken. Dabei ist ein Teil der aktiven Friedensarbeit in Israel und Palästina gewidmet. Ich berichte hier von der Begegnung mit zwei Frauen, deren Worte mich sehr berührt haben und in schwierigen Zeiten Hoffnung geben:

Die Palästinenserin Aisha spricht leise, aber bestimmt: «Ich war die älteste von 9 Geschwistern, und so war ich stets eine Art Mutter für die Kleinen. Einer der Brüder war mir aber am nächsten – Mahmoud, nicht einmal ein Jahr jünger als ich. Er war mein Beschützer, mein bester Freund. Während der 1. Intifada haben ein paar palästinensische Jugendliche auf der Strasse zusammengestanden und Steine gegen Israelis geworfen, vielleicht auch mein Bruder. Ein Scharfschütze hat auf ihn gezielt, die Kugel durchbohrte sein Herz. Im Spital wurde er operiert, und wie durch ein Wunder konnte er sein Leben weiterführen. Mit 27 Jahren hat er geheiratet, gut einen Monat später ist er beim Sport gestorben, das angeschlagene Herz hat seinen Dienst versagt. Ich habe gelitten, einen Schmerz ohnegleichen kennengelernt. Nach 8 Jahren Leben in diesem Leid hat mir jemand die Gesprächsgruppe The Parents Circle[1] empfohlen, um mich mit anderen Menschen, die Ähnliches erlebt hatten, auszutauschen. Erst kurz vor dem ersten Treffen in Betlehem habe ich gemerkt, dass auch Israelis teilnehmen an diesen Runden. Ich wollte nicht mehr dabei sein, doch eine jüdische Frau hat mich mit der Hand begrüsst. Ich musste sofort meine Hände waschen gehen – aber ich blieb. Ich lernte dort Tamara kennen. Sie erzählte mir, dass sie ihren Sohn im Libanonkrieg verloren hat. Da wusste ich: Ich will keines meiner Kinder verlieren, ich muss etwas tun! Und mit mir beginnen.»

Neben Aisha sitzt Tamara. Sie ist eine Generation älter als Aisha. Sie ist Jüdin, wuchs in Südafrika auf und kam mit 20 Jahren nach Israel: «Ich wusste absolut nichts über Palästinenser*innen. Als mein Sohn im Libanonkrieg ums Leben kam, geriet mein Leben aus den Fugen. Das Ungeheuerliche war geschehen, der Schmerz unbeschreiblich. Bei meinem ersten Meeting mit The Parents Circle wurde mir klar: Wir haben eine Wahl im Leben. Als kleine Gruppe haben wir begonnen, nun sind wir mehr als 60 Familien, die unsere Treffen besuchen. Niemand soll sagen, es gibt keine Lösung für den Frieden. Natürlich gibt es die, denkt nur an Nelson Mandela. Ich bin nun die Freundin von Aisha, und wir wollen ein sicheres Zuhause haben für unsere Kinder.»

Das Logo des Parents Circles. © PCFF

The Parents Circle, der mit vollem Namen The Parents Circle – Families Forum oder kurz PCFF heisst, wurde 1995 von Yitzhak Frankenthal zusammen mit einigen israelischen Familien gegründet. Das erste Treffen mit palästinensischen Familien aus dem Gazastreifen fand 1998 statt. Alle Teilnehmenden haben ein nahes Familienmitglied im fortwährenden Konflikt verloren.

So kann man auf der Homepage lesen: «We are the only association in the world that does not wish to welcome any new members into its fold. We work towards stopping acts of violence». Zu Deutsch: «Wir sind die einzige Organisation, welche nicht hofft, neue Mitglieder zu begrüssen. Wir arbeiten daran, weitere Verletzungen zu verhindern.»

PCFF glaubt, dass durch den Austausch Vergebung zwischen den Völkern möglich ist und dass ein Weg zu anhaltendem Frieden führt. PCFF organisiert öffentliche Meetings, besucht Schulen und ist in den Medien gegenwärtig, um seine Idee zu verbreiten.

Eine Gesprächsrunde. © PCFF

Das Kernstück sind jedoch die Gesprächsrunden, in denen sich die Mitglieder regelmässig treffen. Tamara und Aisha erzählen, welche Erfahrungen dort gemacht werden:

«Die Meetings basieren auf einer Kombination von Informationen zur Geschichte der Juden und der Palästinenser und des Landes. Der zweite wichtige Teil ist das gegenseitige Erzählen der persönlichen Geschichten der Mitglieder und deren  Familien. Gemeinsamkeiten werden dabei entdeckt: Alle Menschen werden mit Wünschen und Hoffnungen geboren. Aber in den verfeindeten Völkern, die beide sehr unter dem anhaltenden Konflikt leiden, schwinden diese Hoffnungen, denn die Kinder wachsen mit nur einer Sichtweise auf. Was ein Mensch glaubt und wahrnimmt, ist abhängig von der eigenen Geschichte und der seiner nahen Umgebung. Die physische und emotionale Distanz zwischen den Völkern macht es schwierig, die andere Seite zu hören.
Deswegen hat PCFF das Narrative Projekt gestartet. Bei den Meetings wird klar, dass jede Geschichte eine zweite, unbekannte Seite hat, die auch einen Teil der Wahrheit enthält.»

Als Aisha merkte, dass sich in den Gesprächsrunden vor allem palästinensische Männer beteiligen, die von ihrer Arbeit her eher gewohnt waren, sich – eventuell noch in einer Fremdsprache – vor Leuten zu sprechen, hat sie für spezielle Treffen nur Frauen eingeladen. Die Frauen sollten fortan ebenfalls eine starke Stimme haben in der Organisation. Wie man auf der PCFF Website erfährt, beteiligen sich seit der Gründung stetig mehr Frauen an diesen Women’s Groups: gestartet wurde mit 20 Frauen, heute beteiligen sich mehr als 150 Frauen an den Gesprächsrunden und an nationalen und internationalen Kampagnen.

Auch Aishas Kinder sind alle aktive Mitglieder der Organisation, die Mutter ist sehr stolz darauf. Noch mehr freut sie sich, dass sie in Israel neue Freunde gefunden hat. Obwohl die Reise zu Tamara nicht einfach ist, weil zuerst ein Ausreisevisum beantragt werden muss, besucht sie Tamara regelmässig, sie hat sogar schon zusammen mit ihren Kindern im Haus der früheren Feinde übernachtet. Tamara darf Aisha in Palästina nur in der Area C treffen, wo die militärische und zivile Führung Israel übertragen ist. Auch sie nimmt diese Hürde in Kauf, will sie doch mit möglichst vielen Menschen über ihre Idee sprechen. Ihren Enkelkindern rät sie: «Ich glaube an den Frieden – sei ein Mensch!»

Aisha und Tamara sind Freundinnen geworden. © Ursula Frei/PWS 2020

Der schwedische Friedensnobelpreisträger Dag Hammarskjöld hat es 1953 so formuliert: «Unsere Arbeit für den Frieden muss in jedem einzelnen von uns beginnen. Um eine Welt ohne Angst zu schaffen, müssen wir furchtlos sein. Um eine faire Welt zu schaffen, müssen wir selber gerecht sein. Und wie können wir für Freiheit kämpfen, wenn unsere Gedanken eingesperrt sind? Wie können wir von den anderen Nachsicht verlangen, wenn wir nicht bereit sind, selber zu verzeihen?»[2]

Ursula Frei, South Hebron Hills, April 2020


[1] The Parents Circle – Families Forum Webseite: www.theparentscircle.com

[2] Aus dem Englischen übersetzt: https://en.wikiquote.org/wiki/Dag_Hammarskjöld

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