On the Way to School – Der tägliche Kampf für Bildung

Kennen Sie den Dokumentarfilm aus dem Jahr 2015 mit oben genanntem Titel? Er zeigt, unter welch schwierigen Umständen vier Kinder in Argentinien, Kenia, Marokko und Indien zusammen mit ihren Geschwistern täglich gefährliche, lange Schulwege meistern, um mit einer guten Ausbildung ins Leben starten zu können. Diesem Film möchte ich mit meinem Bericht ein Kapitel anfügen: Ich beschreibe hier den Schulweg von ein paar Nachbarskindern im besetzten Westjordanland.

10 schulpflichtige Kinder zwischen 6 und 16 Jahren leben in Tuba, einem kleinen palästinensischen Dorf mit 9 Familien in den South Hebron Hills. Das Dorf liegt in der Area C. Unter diese Kategorie fallen gemäss dem Interimsabkommen über das Westjordanland und den Gazastreifen (Oslo II) von 1993 jene Landstriche, die zivil- und sicherheitsrechtlich Israel unterstehen.

Wie wir aus den Aufzeichnungen früherer EAPPI-Delegierten erfahren, kam es immer wieder zu Beschimpfungen der Schulkinder, manchmal sogar zu schweren körperlichen Attacken. Es sind erwachsene Menschen aus den israelischen Siedlungen Ma’on und Ma’on Farm, einem sogar nach israelischem Recht illegalen «Outpost» des Settlements, die diesen Kindern das Leben schwer machen. Sie setzen darauf, dass ein schwieriger Zugang zu Bildung und eine verängstigte Bevölkerung ihrem Ziel Vorschub leisten könnte, die palästinensischen Familien aus dieser Gegend zu vertreiben.

Eine kleine Dorfschule in den South Hebron Hills. © Ursula Frei / PWS-EAPPI 2020

Nur dank dem riesigen Einsatz junger internationaler Helfer*innen, die uns gebeten haben, ihre Namen aus Sicherheitsgründen nicht zu nennen, und der Präsenz von israelischem Militär können die Kinder täglich ihren gefährlichen Schulweg nach At-Tuwani unter die Füsse nehmen. Wir vom EAPPI-Team unterstützen diese Helfer*innen oder übernehmen diesen Dienst, wenn die Begleiter*innen ganz ausfallen. Hier beschreibe ich, wie ich den täglichen Schulweg der Kinder miterlebt habe:

Es ist sieben Uhr. Wie überall auf der Welt machen sich die Kinder Tubas bereit für die Schule: Frühstück, warme Kleider, Schultaschen, und los geht es – aber nicht alleine! Al Zain, ein Junge im Oberstufenalter, läuft erst los, wenn die Kinderschar vollständig ist – es ist nämlich schon passiert, dass Siebenjährige, die etwas zurückgefallen waren, von Siedler*innen verfolgt worden sind.

Wir Beobachter*innen teilen uns auf und überwachen den Schulweg von zwei Orten aus. Wir können die Kinder nicht begleiten, da Tuba auf nicht gefährlichen Wegen nur durch einen 90-minütigen Fussmarsch zu erreichen wäre. Vom einen Beobachtungsposten aus sehen wir den erste Abschnitt des Weges, bis die Kinder ein Stücklein durch den Wald gehen müssen. Während diesen 5 Minuten sind sie ausser Sichtweite der Helfer*innen.

Die Kinder von Tuba werden auf ihrem Schulweg entlang des Settlements von der israelischen Armee vor Belästigungen und Angriffen der Siedler*innen beschützt. © Ursula Frei / PWS-EAPPI 2020

Nach dem Wegstück durch die Bäume kommt der gefährlichste Teil. Die Kinder müssen dem Zaun entlang der illegalen Settler-Farm Ma’on folgen. Laut Berichten von ehemaligen EAs  wurden sie hier schon oft von Siedlern belästigt oder nicht durchgelassen, verfolgt oder auch geschlagen. Nach mehreren Attacken hat sich die israelische Armee bereit erklärt, die Kinder auf diesem Wegstück zu beschützen. Drei Soldaten mit Maschinengewehren eskortieren sie jetzt, ein Jeep der Armee folgt der kleinen Menschengruppe.

Wir stehen am zweiten Beobachtungsposten bereit und verfolgen das Szenario. Nicht selten geht der Begleitdienst der Armee vergessen, und wenn er auch auf Anfrage nicht erscheint, kommen wir zum Einsatz: Wir stehen in telefonischem Kontakt mit Al Zain, der als Ältester der Kindergruppe ein Telefon besitzt, und holen die Schüler*innen am Ausgang des Waldes ab. Damit riskieren wir, selber angegriffen zu werden. Einmal wurde ein internationaler Helfer dabei schwer verletzt und musste mit mehreren Knochenbrüchen ins Spital gebracht werden. Wir hatten von diesem Zwischenfall in unseren Unterlagen und auf Wikipedia gelesen, die anwesenden Jugendlichen bestätigen uns diese traurige Geschichte.

Das Entlanglaufen am Zaun des Settlements dauert nur gut fünf Minuten, doch ohne Begleitung wäre dieses Wegstück für die Kinder zu gefährlich. Anschliessend führt der Weg hinein in die ersten Häuser At-Tuwanis, von wo die Kinder selbstständig den restlichen Schulweg meistern können. Fröhlich plaudernd treffen sie auf ihre Klassenkolleg*innen aus anderen Dörfern. Ihre Schule ist Mittelpunkt für 130 Kinder, die hier wie alle Kinder in der Westbank eine umfassende Grundausbildung bekommen. Es wird von der 1. bis zur 12. Klasse unterrichtet, und wer die Prüfungen zum Ende besteht, kann an einer Universität weiter lernen. Nicht nur in Palästina, wie uns der Schulleiter versichert – sie können mit ihrem Abschluss in der ganzen Welt studieren. Dafür ist allerdings eine Ausreisebewilligung nötig, die bei der israelischen Autorität einzureichen ist.

12 Jahre gehen die meisten Kinder in Palästina zur Schule: Knaben-Sekundarschule in Tuqu bei Betlehem. © Ursula Frei / PWS-EAPPI 2020

Aber was ist, wenn die internationalen Helfer*innen ausfallen? Die EAPPI-Begleiter*innen gerade anders beschäftigt sind und die Armee ihren Begleitdienst vergisst…? Dann müssen die Schüler*innen einen anderen, viel weiteren Weg gehen: Sie nehmen die 90-minütige Route zu Fuss rund um den Hügel, um von der anderen Seite her zur Schule zu gelangen! Aber zu Hause bleiben wegen diesen widrigen Umständen – nein, das kommt für diese Kinder nicht in Frage.

Ich fasse kurz zusammen: Es braucht also täglich morgens um 7.30h und nachmittags um 13.30h mindestens 8 Erwachsene, die höchstens 10 Kinder auf ihrem Schulweg beschützen. Ein Grosseinsatz, damit das Menschenrecht auf Bildung eingehalten werden kann.

Ursula Frei, South Hebron Hills, 2020

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