Mit Kreativität und Ausdauer für mehr Gerechtigkeit

Hafez lebt in At-Tuwani, einem kleinen palästinensischen Dorf im südlichsten Zipfel der Westbank. Wir durften bereits zwei Mal dabei sein, wie Palästinenser und Israelis in Dorfnähe gemeinsam Olivenbäume pflanzten, genau auf jenem Hügel, wo letztes Jahr der ganze ursprüngliche Hain von fremden Eindringlingen heimlich gefällt worden waren. Und so sind wir gespannt, den Anführer dieser Friedens-Aktionen kennenzulernen.

Hafez will zuerst wissen, wer wir sind und was wir hier machen. Wir erzählen von EAPPI und unserer Arbeit, und sogleich ist er bereit, uns einen Überblick über die Geschichte seines Dorfes zu geben. Er erklärt: Seit der Besetzung Palästinas versuchen israelische Siedler, die ansässige Bevölkerung aus unserer Region zu vertreiben. Sie haben zwei Pläne: Den einen Teil haben sie zur «Firing Zone 918» erklärt, einem Übungsplatz für die israelische Armee. Dass dort die 10 palästinensischen Dörfer nicht verbleiben können, versteht sich von selbst.

Im nördlichen Teil wurden entlang der Road 371, die viele palästinensische Dörfer verbindet, israelische Siedlungen errichtet. Sogenannte «Outposts», also Ableger von Settlements, die selbst nach israelischem Recht illegal sind, sollen die israelischen Teile langsam zusammenwachsen lassen. So würde die Verbindungsstrasse zerschnitten, die palästinensischen Siedlungen voneinander getrennt. Fast jede Woche blockierten Israelis die Strasse, und palästinensische Häuser, für die nach israelischem Recht keine, Bewilligung besteht, wurden abgerissen. Der junge Hafez und seine Freunde wehrten sich, manchmal auch handgreiflich, denn ihre Familien haben das Land dereinst gekauft. Sie wurden bei ihren Aktionen mehrmals verhaftet und auf dem israelischen Militärgericht in Ramallah verurteilt.

In der Area C, wo At-Tuwani liegt, hat Israel die militärische und die zivile Autorität. Polizei und Armee arbeiten mit den Siedlern zusammen, die glauben, Jahwe habe den Juden dieses Land versprochen. Für sie ist darum Palästina nicht besetzt und es ist ihr Ziel, das Land der Palästinenser in der ganzen Westbank zu annektieren.

Ab November 1999 wurden die meisten Dörfer in der Firing Zone 918 zerstört und die Olivenbäume gerodet. Die vertriebenen Menschen fanden bei den Bewohnern At-Tuwanis Unterschlupf. In dieser schwierigen Situation haben sich erstmals Friedensorganisationen aus Israel bei Hafez gemeldet, sie wollten den gebeutelten Menschen helfen. Es dauerte eine Weile, bis das gegenseitige Vertrauen aufgebaut war, aber der Grundstein für eine bis heute andauernde Zusammenarbeit mit israelischen Friedensaktivisten – beispielsweise von der Organisation Ta’Ayush – war gelegt.

Hafez erklärt, dass unter dem wachsenden Druck dieser Allianz ein erster Erfolg erzielt wurde: Im Februar 2000 gab es einen Gerichtsentscheid, wonach die Bewohner der Firing Zone zurück in ihre Dörfer durften. Die Aktivisten diskutierten weiter. Wie können die Rechte der Palästinenser auf ihr Land, deren Besitztum die meisten mit Kaufdokumenten nachweisen können, langfristig gewahrt werden? Sie kamen zur Einsicht, dass mit gewaltlosen Aktionen langfristig am meisten bewirkt werden kann, und so entstand der Plan, die Bevölkerung Israels und Leute aus der ganzen Welt einzuladen und diesen die verzweifelte Situation der ansässigen Bevölkerung zu zeigen. Gemäss Abed trug die neue Aufmerksamkeit rechtliche Früchte: Viele beschlagnahmte Landstücke mussten den palästinensischen Besitzern zurückgegeben werden – so wie es das internationale Recht vorsieht. 2006 haben die gewaltlosen Aktivisten nach 2-jährigem Sitzstreik erwirkt, dass die Trennmauer zwischen Israel und Palästina hier nicht fertiggebaut wurde bis heute – das ist in dieser Länge einmalig im Land, wie ein Blick auf die aktuelle Karte der UNO zeigt.

Palästinenser, Israeli und Leute aus aller Welt pflanzen neue Olivenbäume in At-Tuwani. © Ursula Frei / PWS-EAPPI 2020

Trotzdem: die israelischen Siedler in der Region verfolgen ihre Ziele mit Fleiss: Während Monaten sind sie bei Hafez jede Nacht um 2 Uhr frühmorgens aufgetaucht, haben ihn und die Nachbarn bedroht. Hafez und seine Freunde liessen sich nicht einschüchtern und erreichten, dass für At-Tuwani seit 2012 ein sogenannter «Masterplan» besteht. Dies bedeutet, dass die Häuser des Dorfes nach israelischem Recht legal sind und nicht abgerissen werden können. Weil den kleinen Nachbardörfern der elektrische Strom verweigert wird, legen die Einwohner At-Tuwanis nun selber Leitungen dorthin.

Hafez ist heute 47 Jahre alt, und weil er die junge Generation motivieren möchte, mit dem friedlichen Widerstand weiterzufahren, hat er die Organisation «Youth of Samut» («starke Jugend») gegründet. Die jungen Frauen und Männer, die aus den Dörfern der Umgebung stammen, leisten gewaltlosen Widerstand gegen die Enteignung der Palästinenser in diesem Gebiet.

Gerne wollen wir einen dieser mutigen Jugendlichen treffen und besuchen darum den 15-jährigen Mahmmudi. Er zeigt uns, wofür er kämpft: Samura liegt zwischen den israelischen Siedlungen Avigayil und Ma’on. In den 90er-Jahren wurde das Dorf vollständig zerstört, die palästinensischen Einwohner mussten sich ein neues Zuhause suchen. Als 2017 bemerkt wurde, dass die beiden Siedlungen nun verbunden werden sollen, haben Mitglieder von Youth of Samut auf den Trümmern von Samura ein Zelt aufgestellt, damit die Gegend nicht unbewohnt sei. Nach drei Tagen wurde das Zelt aber von der israelischen Armee konfisziert. Die jungen Aktivisten haben daraufhin Höhlen ausgebaut, wie es sie in dieser Gegend überall gibt, und bewohnen diese seither. Immer wieder mussten die Jugendlichen Schwieriges erleben. Siedler zerstörten den Teil einer Höhle, es kam zu Belästigungen mit scharfen Hunden. Trotzdem: Dort lebt Mahmmudi tapfer weiter, um das Land für die palästinensischen Besitzer zu wahren.

Mahmmudi vor seiner Wohn-Höhle, im Hintergrund ein Settlement. © Ursula Frei / PWS-EAPPI 2020

So ausdauernd und ideenreich Hafez und Mahmmudi für ihre Rechte kämpfen, so sehr sind sie darauf angewiesen, dass sie von der Öffentlichkeit mit ihrem Problem nicht alleine gelassen werden. Hafez bittet uns zum Schluss unseres Gesprächs: «We’re fighting for our lifes, for a human life. Please care about us, we are suffering!»

Ursula Frei, South Hebron Hills, 2020

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