Ein Tag im Jordantal

Auch wenn Sonntag hier in der West Bank der Start einer neuen Woche darstellt, bietet er uns EAs im Jordantal einen Moment zum Durchatmen. Sonntagmorgens besuchen wir jeweils eine der christlichen Kirchen in Jericho, um die lokalen christlichen Palästinenser*innen zu unterstützen, die in den besetzten palästinensischen Gebieten eine Minderheit darstellen. In Jericho besuchen diese hauptsächlich die katholische Latin Church oder die griechisch-orthodoxe Kirche gleich gegenüber. Die Gemeindemitglieder geniessen nach der Messe vor der Kirche eine Tasse Kaffee und tauschen Neuigkeiten aus, wobei wir ihnen ebenfalls Gesellschaft leisten. Auch wenn wir dabei teilweise von ihren Schwierigkeiten unter der Besetzung Israels erfahren, bieten diese Begegnungen kleine Ruheoasen in den sonst eher hektischen Tagen, die gefüllt sind mit verschiedenen Treffen und dem Dokumentieren von Verletzungen des Humanitären Völkerrechts oder der Menschenrechte.

Im Gespräch in der griechisch-orthodoxen Kirche in Jericho. © Martina Peter / PWS-EAPPI 2020

An diesem Sonntag können wir die morgendliche Gelassenheit jedoch nur schwer in den restlichen Tag mitnehmen. Wir besuchen eine Mutter, deren zwei Söhne vor kurzem von israelischen Soldaten*innen verhaftet wurden. Die Söhne sind 16 und 15 Jahre alt und werden gemäss der Mutter beschuldigt, palästinensische Autos, die von der israelischen Zivilbehörde beschlagnahmt worden waren und auf einem Parkplatz in der Nähe von Jericho stehen, angezündet zu haben. Um die Jungen dazu zu befragen, tauchte mitten in der Nacht israelisches Militär vor dem Haus der Familie auf, die mitten in Jericho in der Zone A lebt. Diese befindet sich seit den Oslo-Abkommen in den 90er Jahren unter palästinensischer Zivil- und Sicherheitskontrolle.[1] Die Mutter erzählt uns, wie in der Nacht fünf Soldat*innen an die Tür hämmerten und Eintritt verlangten. Sobald die Mutter die Tür geöffnet hatte, wurde sie aufgefordert, ihren Sohn Jamil warm anzuziehen, damit sie ihn mitnehmen konnten. Der Mutter fiel auf, dass die Soldat*innen plötzlich unsicher wirkten, als der fünfzehnjährige Jamil vor ihnen stand. Daraufhin entschieden sie, auch den ein Jahr älteren Amal mitzunehmen. Laut der Mutter wurden die Jungen an den Händen und Füssen gefesselt, ausserdem wurden ihnen die Augen verbunden. Ihr wurde mitgeteilt, dass sie ihre Söhne am nächsten Tag wiedersehen würde, nachdem sie befragt worden wären. Nach fünf Tagen, am Sonntag unseres Besuches, werden die Jungen immer noch in einem Gefängnis in Jerusalem festgehalten. Kontakt zur Mutter oder zu einem anderen Familienmitglied haben sie keinen. Die Familie kann nun lediglich den Gerichtstermin abwarten und sich weiterhin Sorgen machen, wie es Jamil und Amal im Gefängnis ergeht.

Blick über Jericho. © Martina Peter / PWS-EAPPI 2020

Nachdem wir der Mutter und dem Onkel versprochen haben, den Gerichtsprozess zu verfolgen, machen wir uns auf den Weg nach Ras al Ahmar, einer Gemeinschaft von Hirtenfamilien im mittleren Jordantal. Eine der Familien wurde am vorherigen Tag von einer Militärrazzia überrascht. Der älteste Sohn Ali erzählt uns, wie jedem Familienmitglied die Identitätskarte sowie das Mobiltelefon von Soldat*innen abgenommen wurde und sie alle voneinander getrennt wurden. Anschliessend wurde jedes Familienmitglied einzeln befragt, während die restlichen Soldat*innen die ganze Behausung, den Schafstall sowie die umliegenden Felder durchsuchten. Anscheinend erwarteten sie, Waffen und Munition zu finden, wie die Familie anhand der ihnen gestellten Fragen erriet. Gemäss Ali schienen die Soldat*innen beinahe enttäuscht, als sie nichts finden konnten. Er erzählt, dass sie während der Befragung der Familie auch damit drohten, einen der Söhne und eine der Töchter zu verhaften und  diese für eine halbe Stunde in ein Militärauto sperrten – wohl in der Hoffnung, jemand aus der Familie würde etwas gestehen. Ein solcher Überraschungsbesuch durch das Militär oder andere israelische Behörden gehört für Ali und seine Familie beinahe schon zum Alltag,  weil sie in der Zone C leben, die unter israelischer Militär- und Zivilkontrolle steht.[2] Da es sich bei ihrer Behausung um die erste nach der Einfahrt in die Gemeinde handelt, sind sie unglücklicherweise auch bei ihren Nachbar*innen dafür bekannt, öfters unangenehme Besuche zu erhalten. Es ist deshalb für die Familie beispielsweise schwierig, Lieferungen zu erhalten. Diese werden von den Lieferant*innen in der Regel am Strassenende abgestellt, aus Angst, ihr Fahrzeug könnte beim Auftauchen des israelischen Militärs oder der Zivilbehörde beschlagnahmt werden. Nachdem uns Alis Mutter geschildert hat, wie sich diese ständige Furcht vor einem plötzlichen Auftauchen von israelischen Behörden auf ihr Leben auswirkt, fahren wir zu einer weiteren Gemeinde im Norden des Jordantals.

In Al Hadidiya, das inzwischen nur noch über eine der ehemals drei Zufahrtsstrassen erreichbar ist – zwei wurden vor wenigen Wochen aus unerfindlichen Gründen vom israelischen Militär gesperrt –, wollen wir mit Abu Ismael sprechen, dessen Sohn heute zu einem Gerichtstermin erscheinen musste, weil sein Traktor beschlagnahmt wurde. Das Militär begründete die Beschlagnahmung mit der Annahme, der Traktor könnte illegal erworben worden sein und müsse deswegen überprüft werden. Als wir bei Abu Ismael ankommen, treffen wir jedoch zunächst auf seinen Nachbarn, der soeben die israelische Polizei rufen musste, weil ein Siedler der naheliegenden israelischen Siedlung sein privates Land bestellte. Der Besitzer erzählt uns, wie er von der Polizei informiert wurde, dass ab diesem Zeitpunkt weder der Siedler noch er das Recht hätten, das Land zu bestellen, da der Status des Lands abgeklärt werden müsse. Die sogenannten Tabu-Papiere, die auf den Namen seines Vaters ausgestellt sind und dessen Besitz bestätigen, wurden dabei von der Polizei nicht berücksichtigt. Nach einem kurzen Austausch gesellen wir uns zu Abu Ismael, dessen Sohn in diesem Moment vom Gericht zurückkommt. Er erzählt uns, dass er nicht vor dem Richter erscheinen durfte, sondern nur sein Anwalt befragt wurde. Glücklicherweise wurde die Beschlagnahmung des Traktors aufgehoben, allerdings muss er eine Busse bezahlen, weil er mit dem Gefährt auf der Hauptstrasse gefahren war.

Israelisches Monument im Jordantal. © Martina Peter / PWS-EAPPI 2020

Auf dem Rückweg sehe ich meine Notizen des Tages durch und kontrolliere, ob ich alle relevanten Informationen habe, um auf unserer Datenbank die Vorfälle zu registrieren. Dabei kommt mir ein Satz einer unserer Kontakte in den Sinn, der regelmässig schwierige Situationen wie jene erlebt, die uns an diesem Tag geschildert wurden:

«Wenn der Druck auf mich steigt, werde ich explodieren.»

Martina Peter, Jordan Valley, 2020


[1] Ministry of Foreign Affairs, 28.9.1995. The Israeli-Palestinian Interim Agreement – Main Points, https://mfa.gov.il/mfa/foreignpolicy/peace/guide/pages/the%20israeli-palestinian%20interim%20agreement%20-%20main%20p.aspx.

[2] UNOCHA. Area C, https://www.ochaopt.org/location/area-c

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