Der Winter lässt auf sich warten

«Winter is coming,» wird mir zum wohl zwanzigsten Mal hier im Jordantal in den besetzten palästinensischen Gebieten versichert, seit ich Mitte Oktober meinen Einsatz mit EAPPI begonnen habe. Winter bedeutet in diesem Fall Regen und Temperaturen, die kaum unter 20 Grad fallen. Der Regen wird nicht nur von Bauern und Hirten sehnlichst erwartet, damit die zurzeit braunen Hügel mit verdorrten Pflanzen wieder in frischem Grün erstrahlen und Tiernahrung für ein weiteres Jahr zur Verfügung stellen. Der Regen wird auch sonst von der palästinensischen Bevölkerung im Jordantal herbeigewünscht, die sich durch das Auffangen des Regenwassers etwas Unabhängigkeit von der israelischen Wassergesellschaft Mekorot verschafft, welche die mehrheitliche Kontrolle über die Wasserressourcen  in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten hat.[1]

Dabei zeigen sich grosse Unterschiede im Wasserzugang zwischen der palästinensischen Bevölkerung und den israelischen Bürger*innen, die sich in Siedlungen in der ganzen West Bank niedergelassen haben. Seit 1967 ist es den Palästinenser*innen gemäss eigenen Angaben beispielsweise nicht erlaubt, tiefer als 100 Meter nach Grundwasser zu graben, während Mekorot Pumpen in Tiefen von bis zu 500 Meter installiert.[2] Dies hat unter anderem dazu geführt, dass den palästinensischen Brunnen in geringerer Tiefe das Wasser abgezogen wird und diese dadurch austrocknen, wie uns lokale Kontakte in verschiedenen Gemeinden erzählt haben. Yussef[3], ein Familienvater und Landwirtschaftsarbeiter der Gemeinde Furush Beit Dajan im Jordantal, erklärt uns, wie sich dies auf ihre Wasserversorgung ausgewirkt hat. Da die gemeindeeigenen Brunnen kein Wasser mehr liefern, sind die Bewohner*innen auf die Versorgung durch Mekorot angewiesen. Die Gemeinde hat jedoch nur stundenweise Zugang zu den Trinkwasserquellen; ausserdem wird der jährliche Wasserzugang mit einer Bezugslimite begrenzt, welche trotz der steigenden Bevölkerungszahlen in den besetzten palästinensischen Gebieten seit 1967 nie erhöht wurde.[4] Gelingt es den EinwohnerInnen in dieser Zeit nicht, ihren Wassertank zu füllen, müssen sie ihr Wasser über Tanktransporte zu deutlich höheren Preisen beziehen oder bleiben im schlimmsten Fall für einige Zeit ganz ohne Wasser. Die Tanktransporte stammen in der Regel aus anderen palästinensischen Dörfern in der Umgebung, wodurch zum normalen Wasserpreis der Transport dazubezahlt werden muss. Die Dörfer kämpfen zudem mit den gleichen Schwierigkeiten: Die Gemeinden begleichen ihre Wasserrechnung bei den Palästinensischen Behörden, welche wiederum Mekorot für das Wasser bezahlen. Und Mekorot entscheidet, wieviel Wasser die einzelnen Gemeinden oder auch Institutionen wie Schulen beziehen können. Im Fall von Furush Beit Dajan stammt das zusätzliche Wasser zur Überbrückung aus der Gemeinde Ein Shebla, welche bereit ist, mehr zu bezahlen, um mehr Wasser zu erhalten, doch Mekorot geht gemäss Aussagen der Einwohner*innen nicht auf die Anfrage ein.

Mekorot-Wasseranlage, Jordan Valley. © Martina Peter / PWS-EAPPI 2019

Yussef, der direkt neben einer von Mekorot kontrollierten Wasserquelle lebt – die in ihrer Unerreichbarkeit Hochsicherheitsanlagen gleichen – hat uns an diesem Tag jedoch aus einem bestimmten Grund gerufen. Die Wasserleitung, von der Yussefs Familie sowie die Gemeinde ihr Wasser beziehen, liegt einige Meter weiter an der Hauptstrasse. Einige Tage vor unserem Besuch wurde von einem Mekorot-Sicherheitsangestellten ein Schloss angebracht, womit die Wassermenge eingeschränkt wurde. Eine Begründung dafür gab es nicht. Anstatt wie bis anhin 15 Kubikmeter ist nur noch ein Drittel dieser Menge pro Stunde für die 1500 Einwohner erhältlich. Dies reicht keineswegs für die von der WHO empfohlenen 100 Liter pro Person pro Tag. Tatsächlich müssen in der Area C der West Bank 95’000 Personen mit weniger als 50 Litern pro Kopf und pro Tag auskommen.[5] Zum Vergleich: In der Schweiz lag der Wasserverbrauch pro Kopf pro Tag 2017 bei 163 Litern[6] – ohne die Wassermenge für die Landwirtschaft miteinzuberechnen. In Furush Beit Dajan stellt die Bewässerung der Agrarfelder ein weiteres grosses Problem dar, doch an diesem Tag konzentriert sich Yussef auf die Trinkwasserknappheit.

Eingeschränkter Wasserzugang, Furush Beit Dajan. © Martina Peter / PWS-EAPPI 2019

Während er uns das Schloss an der Wasserleitung zeigt, fährt ein Auto der Mekorot-Firma vorbei und hupt. Zehn Minuten später erhält Yussef einen Anruf auf seinem Mobiltelefon; der Sicherheitsangestellte von Mekorot erkundigt sich, was er in der Nähe der Wasserleitung gemacht habe. Yussef wundert sich, woher der Sicherheitsangestellte seine Nummer hat und macht sich Sorgen, dass er nun in weitere Schwierigkeiten gerate. Yussefs Frustration ist greifbar: «Ich bitte doch nur um Wasser, Essen und Bildung für meine Kinder; nichts Unmögliches.»

Eigentlich ist das Jordantal eine der fruchtbarsten Regionen der West Bank, doch die Palästinenser*innen können davon kaum mehr profitieren. Durch die mehrheitlich israelische Kontrolle der Wasserversorgung wird ein Grossteil der verfügbaren Wasserquellen in die israelischen Siedlungen und Plantagen gepumpt.[7] Diese sind im Jordantal als grüne Oasen inmitten der kargen Landschaft jeweils klar erkennbar, nicht nur anhand der Zäune und Sicherheitsvorkehrungen, die sie umgeben. Für die Bauern im Jordantal führt dieser Umstand regelmässig zu Verlusten ihrer Ernte, weil sie die Felder nicht genügend bewässern können. Zum Jordanfluss, welcher entlang der Grenze zu Jordanien verläuft und den fast einzigen oberirdischen Wasserzugang in der West Bank darstellt, haben die Palästinenser*innen schon lange keinen Zugang mehr.[8] Seit 1967 wurde ein breites Landstück neben dem Fluss von Israel als Militärzone deklariert und als «buffer zone» mit Zäunen abgeriegelt, welches noch immer mit Minen versehen ist.[9]  Als Tourist kann man sich davon auf dem Weg zur «Baptism Site» überzeugen, für die man an einem israelischen Sicherheitsangestellten vorbei auf einer Strasse zwischen Zäunen hinfährt. Links und rechts stehen vereinzelt einige Kirchen, die man jedoch nicht betreten darf – aufgrund der Minengefahr, worauf einen die Schilder an den Zäunen hinweisen. «Früher konnten wir unsere Schafe und Ziege im Jordanfluss tränken,» erinnert sich der Hirte Ahmed von Khirbet Samra, einer kleinen Beduinengemeinschaft im Norden des Jordantals. Inzwischen muss er sich gut überlegen, wie weit er jeweils mit seinen Tieren läuft, um sicherzugehen, dass er anschliessend ausreichend Wasser hat, um ihren Durst zu stillen. Die israelische Regierung ist jedoch nicht allein im Beschränken des Wasserzugangs; die Hirten erzählen uns immer wieder, wie sie von israelischen Siedlern mit Gewaltandrohungen oder -anwendung von natürlichen Wasserquellen vertrieben werden.

Siedlung im Hintergrund, Jordan Valley. © Martina Peter / PWS-EAPPI 2019

Ein Grossteil des Jordantals – sowie insgesamt über 60% der West Bank – gilt seit den Oslo-Vereinbarungen von 1993 und 1995 als Area C, wodurch diese Gebiete unter israelischer Militär- und Zivilkontrolle stehen. Dadurch braucht es für jegliche infrastrukturelle Veränderungen eine Bewilligung der israelischen Ziviladministration, welche jedoch nur in sehr wenigen Fällen erteilt wird; von allen Anträgen seit 2000 wurden lediglich 4% der Bauanträge in den besetzten palästinensischen Gebieten bewilligt.[10] Faris, der gleich ausserhalb der Stadt Tubas einige Gewächshäuser betreibt, erzählt uns, welche absurden Formen die bürokratischen Verordnungen annehmen können. Gemeinsam mit 18 anderen Bauern in der Umgebung hat er einen Verband gegründet, um einen gemeinsamen Wassertank zu bauen. Die Organisation Oxfam will sie mit drei Wasserleitungen unterstützen, doch die Bewilligung wird nicht erteilt. Faris zeigt uns einen bereits bestehenden Wassertank. Kürzlich erhielten sie die Information der israelischen Civil Administration, dass die Bauern nur noch die Hälfte des Tanks benutzen dürfen, da sich ein Teil davon in der Area C befindet. «Was sollen wir tun, den Wassertank in die Hälfte teilen?», fragt sich Faris mit einem verzweifelten Lachen .

Haus und Wassertank Demolition, ausserhalb von Jericho. © Martina Peter / PWS-EAPPI 2019

So warten die Palästinenser*innen weiter auf den Regen, der Mitte November immer noch ausgeblieben ist. «Winter is late this year», meint Faris und betrachtet mit einem Stirnrunzeln seine Tomaten.

Martina Peter, Jordan Valley, November 2019


[1] EcoPeace Middle East, January 2018. Israeli Water Diplomacy and National Security Concerns, https://ecopeaceme.org/wp-content/uploads/2018/01/Water_Diplomacy.pdf

[2] http://www.mekorot.co.il/Eng/newsite/Solutions/Drilling/Pages/default.aspx

[3] Alle Namen der Personen in diesem Artikel wurden geändert.

[4] EcoPeace Middle East, January 2018. Israeli Water Diplomacy and National Security Concerns, https://ecopeaceme.org/wp-content/uploads/2018/01/Water_Diplomacy.pdf

[5] UNOCHA, 15. April 2019. https://www.ochaopt.org/content/demolitions-west-bank-undermine-access-water

[6] Schweizerischer Verein des Gas- und Wasserfachs. http://wasserqualitaet.svgw.ch/index.php?id=874

[7] B’tselem, Mai 2011. Dispossession and Exploitation, http://ecopeaceme.org/uploads/Btselem_Dispossession_and_Exploitation_Eng_201105.pdf

[8] EcoPeace Middle East, January 2018. Israeli Water Diplomacy and National Security Concerns, https://ecopeaceme.org/wp-content/uploads/2018/01/Water_Diplomacy.pdf

[9] B’tselem, Mai 2011. Dispossession and Exploitation, http://ecopeaceme.org/uploads/Btselem_Dispossession_and_Exploitation_Eng_201105.pdf

[10] B’tselem, Februar 2019. Fake Justice, https://www.btselem.org/publications/summaries/201902_fake_justice


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