Verbotene Liebe – Wie Israels Politik palästinensische Familien zerreisst

Bilal ist 1992 geboren, im selben Jahr wie ich. Aber da hören unsere Gemeinsamkeiten auch schon auf. Bilal lebt in Ostjerusalem unter der Besatzung von Israel. Nach internationalem Recht ist Ostjerusalem Teil des Westjordanlands und somit besetztes palästinensisches Gebiet. Ich habe Bilal in meiner dritten Woche hier kennengelernt. Der Anlass war jedoch alles andere als erfreulich: Das Haus seines Cousins wurde am Morgen von israelischen Soldaten abgerissen und wir waren dort um den Vorfall zu dokumentieren. Bilal war so gastfreundlich uns in das Haus seines Bruders einzuladen und uns die Hintergründe der Hauszerstörung seines Cousins zu schildern.

Im Gespräch hat uns Bilal seine eigene persönliche Geschichte erzählt. Bilal ist seit über vier Jahren verheiratet, doch hat er seine Ehefrau seit kurz nach der Hochzeit nicht mehr gesehen. Alles hat damit angefangen, dass er sich in eine junge Peruanerin verliebt hatte. Im Gegensatz zu ihm ist sie Christin. Für Bilal war dies jedoch kein Hindernis. In 2014 heirateten die beiden und freuten sich auf eine gemeinsame Zukunft. Drei Monate nach der Heirat kam es jedoch zu einem Vorfall, Bilal und sein Bruder gerieten auf dem Weg zum Freitagsgebet in der Al Aqsa Moschee in einen Streit mit einem israelischen Soldaten. Bilal zufolge hat der Soldat seinen Bruder zuerst ins Gesicht geschlagen und Bilal wollte seinen Bruder verteidigen. Das Eingreifen in diesem Moment kostete die beiden Brüder mehrere Monate ihres Lebens. Sein Bruder kam 6 Monate hinter Gitter, Bilal erhielt sogar 18 Monate Gefängnis. Und dies nur 3 Monate nach seiner Hochzeit. Seit er wieder auf freiem Fuss war, freute er sich vor allem darauf seine Frau wiederzusehen, die in der Zwischenzeit zurück nach Peru zu ihrer eigenen Familie gereist war und nach der Entlassung von Bilal geplant hatte definitiv nach Ostjerusalem zu ziehen. Am Tag ihrer Einreise wartete Bilal über mehrere Stunden in der Ankunftshalle des Ben Gurion Flughafens. Jedoch vergebens. Wie er später erfuhr wurde seine Ehefrau über mehrere Stunden befragt und anschliessend nach Peru zurückgeschickt. Aufgrund von Bilals „krimineller“ Vergangenheit, scheint sie auf der Schwarzen Liste zu sein und darf nie mehr nach Israel einreisen. Für Bilal bedeutet das, dass er sich zwischen seiner Ehefrau in Peru oder seiner Familie in Jerusalem entscheiden muss, denn wie er erzählt hat, gilt auch für ihn, wenn er Israel verlässt wird ihm die Einreise zukünftig verboten sein.

© Tamara / PWS 2019

Bilal ist lange nicht die einzige Person in Jerusalem, bei welcher der israelische Staat in die familiären Beziehungen eingreift. Dank dem „Citizenship and Entry into Israel Law“, welches am 31.07.2003 in Kraft trat, verhinderte der israelische Staat tausende von Familienzusammenführungen in Fällen, wo einer der Ehepartner in Jerusalem lebt oder die israelische Staatsbürgerschaft besitzt (Amnesty International, 2017). Seit dem 6-Tagekrieg und der Besetzung des Westjordanlands in 1967 bis 1990 konnten sich Palästinenserinnen und Palästinenser relativ frei zwischen dem Gazastreifen, dem Westjordanland und Jerusalem bewegen (B’Tselem, 2017). Israel änderte diese Politik der Bewegungsfreiheit nach dem ersten Golfkrieg. Seitdem benötigen Bewohner des Gazastreifens und des Westjordanlands eine Bewilligung um nach Jerusalem einzureisen, dies gilt auch für Familienangehörige und Ehepartner (B’Tselem, 2017). Während die Einholung einer Bewilligung für die Familienzusammenführung ein bürokratischer Alptraum war, war es immerhin rechtlich möglich einen Ehepartner aus dem Westjordanland zu haben und gemeinsam in Jerusalem zu wohnen. Seit der Einführung des obengenannten Gesetzes, welches eigentlich nur temporär vorgesehen war, sind alle Familienvereinigungen rechtlich auf Eis gelegt. Es wurde eingeführt, weil zugezogene Palästinenser angeblich in Terrorattacken in Israel involviert waren (Hamoked und B’tselem, 2004). Die Diskussion im israelischen Parlament zeigt jedoch eine andere Seite. Es wurde offen über demografische Verhältnisse gesprochen, was belegt wie der israelische Staat versucht die palästinensische Präsenz in Israel so gut wie möglich zu limitieren. Dies gilt speziell für Ostjerusalem (Hamoked und B’tselem, 2004).

Firas, unser Übersetzer und Fahrer hat mir erklärt, er habe in der West Bank immer weggeschaut, wenn ihm eine Frau gefallen hat. Denn was wäre  der Sinn sich in eine Frau zu verlieben, die nicht mit ihm in Jerusalem leben dürfte. In Fällen, wo sich Paare trotzdem verliebt haben, muss entweder die eine Person in die West Bank ziehen oder die Familien leben in zwei naheliegenden Häuser: der eine Partner in Jerusalem und der andere hinter der Mauer im Westjordanland. Wenn der Ehepartner mit der Jerusalem ID seinen neuen Wohnsitz nach ausserhalb der Stadtgrenze verschiebt droht eine Aufhebung des Residenzstatus. Das hat ernsthafte Konsequenzen für die Betroffenen. Wenn sie nach Jerusalem einreisen wollen brauchen sie eine Bewilligung, egal ob für die Arbeit, einen Familienbesuch oder einen Arzttermin. Die Bewilligungen sind schwierig zu bekommen und oft bringen auch jahrelange Anträge nichts (Human Rights Watch, 2017). Ein Wegzug von Jerusalem in die West Bank kann also zur Folge haben, dass jemand seine Arbeit verliert oder seine Angehörigen nicht mehr besuchen darf. Ich habe selbst viele solcher Geschichten gehört. Auch Firas erzählte mir von solchen Schicksalen. Er selbst hatte das Glück sich in eine Frau mit dem „richtigen“ Ausweis zu verlieben und die ganze Familie lebt vereint unter einem Dach.

Tamara, Jerusalem Team, June 2019

Amnesty International. 2017. Israel must repeal the discriminatory Citizenship and Entry into Israel Law. Available online: https://www.amnesty.nl/actueel/israelopt-israel-must-repeal-the-discriminatory-citizenship-and-entry-into-israel-law

B’Tselem. 2017. Restrictions on Movement. Available online: https://www.btselem.org/freedom_of_movement

Hamoked und B’Tselem. 2004. Forbidden Families – Family Unification and Child Registration in East Jerusalem. Available online: https://www.btselem.org/sites/default/files/sites/default/files2/publication/200401_forbidden_families_eng.pdf

Human Rights Watch. 2017. Israel: Jerusalem Palestinians Stripped off Status – Discriminatory Residency  Revocations. Available online: https://www.hrw.org/news/2017/08/08/israel-jerusalem-palestinians-stripped-status

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