Hebron hofft auf Touristen

Hebron, auch Al Khalil (Freund auf Arabisch), ist die grösste Stadt im Westjordanland mit über 215’000 palästinensischen Einwohnern und ein Ort ständiger politischer Spannungen. Seit 1997 ist Hebron unterteilt in Sektor H1 (unter palästinensischer Aufsicht) und Sektor H2 (unter israelischer Militärkontrolle). Im Sektor H2 leben ca. 40’000 PalästinenserInnen und etwa 700 israelische SiedlerInnen, die unter dem Schutz von ungefähr 2000 SoldatInnen der israelischen Armee stehen. Hinzu kommt der Ort Kyriat Arba mit seinen zusätzlichen rund 8000 SiedlerInnen. Die Stadt hat somit in der Westbank einen Sonderstatus und offenbart auf kleinstem Raum die ganze Israel/Palästina-Problematik (“occupation in a nutshell”).

Hebron wurde vor ca. 6000 Jahren gegründet und ist für alle 3 monotheistischen Religionen heilig, da hier sowohl Abraham, Isaak und Jakob, als auch deren Frauen Sara, Rebekka und Lea begraben sind. Während der Mameluckzeit (1250-1516) entwickelte sich die Stadt kulturell und sozioökonomisch und unter osmanischer Herrschaft (1516-1917) zur heutigen geographischen Form. Die Stadt war in ihrer ganzen Geschichte ein prominentes Zentrum für Handel und Kultur, aber natürlich auch ein Pilgerort.

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Al Ibrahimi Moschee © LS/EAPPI 2018

Hebron’s Handelsindustrie ist hauptsächlich bekannt für handgemachtes Glas, Keramik, Leder (Schuhe), traditionelle Stickerei/Weberei, aber auch für Bausteine, Holz- und Metallprodukte. Die heute noch einzige authentische Kufiya- (typisches palästinensisches Tuch) produzierende Fabrik befindet sich ebenfalls hier.

Wie kommt es denn, dass sich nur wenige TouristInnen für die Stadt interessieren?

MuslimInnen und eine jüdische Minderheit lebten bis 1929 friedlich beisammen. Nachdem in Jerusalem Aufstände über das Zugangsrecht zur Klagemauer begannen, kam es zum ersten “Massaker von Hebron”, bei dem über 60 Juden und Jüdinnen getötet wurden. Die jüdische Bevölkerung wurde damals evakuiert. Ab 1968 etablierten ideologische SiedlerInnen Kyriat Arba, neben der Altstadt von Hebron. Israelische Siedlungen in den besetzten Gebieten sind aber gemäss internationalem Gesetz illegal und werden von der internationalen Gesellschaft als ein Verstoss gegen die vierte Genfer Konvention angesehen. Seit 1979 kamen 4 weitere kleine Siedlungen dazu, die sich in der Altstadt selbst befinden. Diese haben selber keine Schulen, Einkaufsmöglichkeiten, medizinische Einrichtungen, Postbüros etc. und schliessen sich deshalb an Kyriat Arba an. Eine weitere Siedlung befindet sich unweit davon, ebenfalls am Stadtrand von H2.

Über die Jahre kam es zu verschiedenen Zwischenfällen von beiden Seiten. 1994 ereignete sich ein weiteres Massaker: ein extremistischer Siedler drang in die Al Ibrahimi Moschee ein und ermorderte 29 betende MuslimInnen. Über 100 weitere PalästinenserInnen wurden dabei ebenfalls verwundet. Nach dem tragischen Zwischenfall wurde Hebron’s lebendige Hauptstrasse Al Shuhada Street vom Militär abgeriegelt. Hunderte Läden und Büros wurden geschlossen und der berühmte Handelsmarkt ging ein. Seit der zweiten Intifada (2000) ist Shuhada Street für PalästinenserInnen weitgehend unbenutzbar. SiedlerInnen hingegen können die Strasse zu Fuss und mit Autos passieren, wobei das ganze Quartier meistens einer Geisterstadt gleicht. Die israelische Militärpräsenz ist jedoch allgegenwärtig und deren Checkpoints befinden sich an jedem strategisch wichtigen Ort. Dies und Übergriffe von SiedlerInnen führen zu einem konstanten Druck auf die lokale Bevölkerung und natürlich auf die ökonomische Lage in der Altstadt. Vorfälle verschiedener Art haben leider dem Image der gastfreundlichen Stadt und deren BewohnerInnen geschadet. Viele frustrierte und verängstigte Menschen zogen weg, Geschäfte wurden geschlossen, Gebäude verwahrlosten.

UNOCHA Karte
UNOCHA Karte

Das Hebron Rehabilitation Committee gibt sich seit rund 20 Jahren Mühe, unter erschwerten Umständen wieder Leben in die Altstadt zu bringen. Häuser, Strassen, Pärke, alte Werkstätten etc. werden belebt und man hofft, dass auch der Souk eine neue Blütezeit erleben wird.

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Porzellan aus Hebron © LS/EAPPI 2018

Hebron befindet sich nur einen Katzensprung von Bethlehem und ist eine Busstunde (30km südlich) von Jerusalem entfernt. Ab dem Stadtzentrum Bab Al Zawiye geht man durch den Gemüse- und Kleidermarkt bis zum Eingang des Souks. Im dortigen Touristeninformationsbüro findet man eine praktische Karte für den Stadtrundgang. Auf dem Weg von oder zur Al Ibrahimi Moschee sollte man sich ruhig bei den Ladenbesitzern im Souqh Zeit nehmen. Viele Souvenirs der Westbank werden in Hebron hergestellt und sind hier somit um Einiges günstiger zu kaufen als an den typischen Touristenorten. Sicher wird man Sie darauf aufmerksam machen, einen Blick nach oben zu werfen. Die Gitter über dem Souk hängen oft tief unter dem Gewicht des Abfalls der darüberliegenden Siedlung.

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Ehemalige Olivenpresse © LS/EAPPI 2018

Des Weiteren lohnt es sich, einen Halt beim türkischen Hamam, der alten Sesampresse und einer der Olivenpressen einzulegen. Interessant sind auch die “Land of Canaan” Glasbläserei und die kleine Porzellanfabrik unterhalb der Al Ibrahimi Moschee, wo man den Handwerkern bei der Arbeit zusehen kann. Die Moschee ist zur Hälfte auch eine Synagoge, wobei beide Teile besucht werden können. Freitags ist jedoch der muslimische Teil, samstags der jüdische Teil für TouristInnen unzugänglich. Beim Rundgang sollte man natürlich auch einen Teil der Shuhada Street begehen, um mit eigenen Augen die trostlosen Überreste der einstmals pulsierenden Hauptstrasse zu sehen. Verpflegung findet man in den umgebenden Strassen von Bab al Zawiye in einem Restaurant oder einem der unzähligen Falaffelständen. Getränke und typische Süssigkeiten gibt es zur Genüge im Souk, wo man sich auch im Friendship-Garden ausruhen kann. Wer noch ein bisschen mehr Zeit zur Verfügung hat, sollte sich einen Besuch der Hebron Glass & Ceramics Factory am nördlichen Rand der Stadt und ganz in der Nähe der archäologischen Stätte Mamre nicht entgehen lassen.

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Hebron ist für seine Glasbläsereien berühmt. © LS/EAPPI 2018

Zusammenfassend ist Hebron immer ein Besuch wert, sei es nur schon um sich ein Bild von der Besetzung der Altstadt und den Lebensbedingungen der dortigen EinwohnerInnen zu machen. Nicht umsonst steht der Name Al Khalil für Freund, die palästinensische Gastfreundschaft und Grosszügigkeit ist berührend. Freitage sollten jedoch vermieden werden, einerseits, da die meisten Läden geschlossen sind, anderseits, weil es am Nachmittag meistens zu Ausschreitungen zwischen Jugendlichen und Soldaten im Stadtzentrum kommt.

LS, Hebron Team, August 2018


Legende Titelbild: Souk in Hebron © LS/EAPPI 2018


Quellen:

– State of Palestine, Ministry of Tourism & Antiquities, www.travelpalestine.ps
– Hebron Rehabilitation Committee, www.hrc.ps
– YAS Youth against settlement: Hebron, Ghost town brochure 2017, www.yashebron.org
– UNOCHA, www.ochaopt.org
– Wikipedia

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